Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb umschließt auch das Ermstal, und es ist den letzten Jahren zu einem Qualitätsbegriff geworden. Und dieser Qualitätsbegriff geht einher mit typischen Produkten dieser Region, angefangen über die Alblinsen, das Alblamm, den Albdinkel, Albbüffel oder gar Albschnecken. Diese und viele andere regionale Spezialitäten sehen die hiesigen Landwirte, aber auch Pioniere dieser Regionalität wie Peter Schmid, Hotelier und ehemaliger Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes sowie lokale Politiker durch das geplante Transatlantische Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership-TTIP) gefährdet. Die Verhandlungen darüber entzweien nicht nur die Europäer und die USA – auch in Deutschland gibt es Befürworter und strikte Gegner.


Doch worum geht es eigentlich im Kern? Das Transatlantische Freihandelsabkommen ist ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen der Europäischen Union (EU), den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und weiteren Staaten. Die TTIP-Verhandlungen werden im Geheimen geführt, und es dringen nur wenige Ergebnisse, auf welchen Wegen auch immer, an die Öffentlichkeit. So sitzen zwar zahlreiche Vertreter großer Firmen mit am Verhandlungstisch, nicht aber Vertreter von Landkreisen und Kommunen oder gar von Sozial- und Umweltgruppierungen. Das seit Juli 2013 in Verhandlung befindliche Abkommen soll den Abbau von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen zum Ziel haben, was bei Unternehmen der Teilnehmerstaaten Wachstum fördern und Kosten senken soll. Umstritten ist allerdings, ob TTIP tatsächlich für das verheißene Wirtschaftswachstum und für mehr Wohlstand und Arbeitsplätze sorgen wird. Während optimistische Ökonomen der EU-Kommission von Hunderttausenden neuer Arbeitsplätze sprechen, geht etwa der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie-und Handelskammertages, Volker Treier, von einem maximalen Zuwachs von 0,25 Prozent in zehn Jahren aus.


Hochgekocht ist das Thema im Biosphärengebiet Schwäbische Alb Anfang des Jahres als der Bundeswirtschaftsminister Christian Schmidt in einem Spiegel-Interview erklärte, dass wenn TTIP unterschrieben werde, könne in Zukunft nicht mehr jede heimische Wurst oder jeder Käse als Spezialität geschützt werden. Daraufhin sahen sich Peter Schmid und Kerstin Lamparter, Vorsitzende des Grünen Ortsverbandes Dettingen/Bad Urach/Vordere Alb und Jungunternehmerin aufgefordert, einen Brief an den Minister zu schreiben, in dem sie auf die Wichtigkeit der regionalen Kennzeichnung hinweisen. Die Region befürchtet angesichts solcher Aussagen, dass die Bemühungen vieler Jahre für mehr Regionalität und den Konsum heimischer Produkte umsonst waren. Kerstin Lamparter sagt: »Als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft, Ländlicher Raum und Ernährung der Grünen in Baden-Württemberg setze ich mich für unsere regionalen Produkte ein, weil diese den ländlichen Raum stärken. Beim Freihandelsabkommen darf es keinen Wolf im Schafspelz geben.« Interessant ist, dass die Antwort auf den Brief zwar prompt aus dem Ministerhaus kam, aber laut Peter Schmid hat es sich um einen standardisierten Abwiegelungsbrief gehandelt. »Den haben vermutlich viele bekommen«, meint der Hotelier. 


Die Auswirkungen an der Basis sind das Eine, das Andere ist die globale Wirkung: Richtig gefährlich wird TTIP, wenn es erst einmal in Kraft ist. US-Konzerne können laut Expertenmeinung dann europäische Staaten verklagen, wenn deren Gesetze ihre Gewinne schmälern. Die Urteile fällen keine Richter, sondern von den Konzernen selbst ausgewählte Wirtschaftsanwälte. Schon die Drohung solcher Klagen kann reichen, um unliebsame Gesetze aus der Welt zu schaffen. Die verhängten Schadensersatzzahlungen können Staaten in den Ruin treiben. Die Befürworter von TTIP sprechen von einer gigantischen Freihandelszone, die rund 850 Millionen Menschen umfasst. Das Abkommen berührt nach Meinung des FDP-Politikers Alexander Graf Lambsdorff weder die kommunale Daseinsvorsorge, also sogenannte Dienstleistungen von allgemeinem Interesse wie die Wasserversorgung noch Punkte wie Mindestlöhne oder arbeitsrechtliche Regelungen. Dies sei nicht Gegenstand der Verhandlungen. 


Ängste der Bürger, dass die kleinteilige Kulturlandschaft der Schwäbischen Alb und ihre öffentliche Unterstützung und Förderung gefährdet seien, zerstreut Lambsdorff. Die Unterstützung der bäuerlichen Landwirtschaft werde auch künftig auf beiden Seiten des Atlantiks möglich bleiben. Regionale Herstellerangaben würden nach Unterzeichnung besser geschützt, heißt es.  Wem soll man glauben? Letztlich wird es auf eine Abwägung der Vor- und Nachteile hinauslaufen. Eines ist auf jeden Fall schon erreicht worden, die anfänglich hinter verschlossenen Türen erfolgten Verhandlungen werden nun transparenter geführt. Positiv zu vermerken ist, dass die Allianz der Gegner mittlerweile von Gewerkschaften und Kirchen über Mittelstandsvertreter und kommunale Verbände bis hin zu Umwelt- und Datenschützern reicht. So scheint zumindest gewährleistet, dass den Verantwortlichen am Verhandlungstisch auf die Finger gesehen wird.