Sind wir schon so vom Klimawandel geschädigt, dass wir Winter völlig verlernt haben? Der Eindruck drängt sich auf. Kaum schneit es einmal ein paar Tage bricht bei vielen Panik aus. Das Phänomen Winter findet seine härteste Ausprägung in Stuttgart. Drei Schneeflocken auf der Straße genügen für ein stundenlanges Verkehrschaos, im Ermstal zeigen sich die Autofahrer schon etwas routinierter im Umgang mit der weißen Pracht. Am gelassensten nehmen noch die Älbler größere Schneemengen hin. Dennoch bleibt festzuhalten, wir im Ländle können anscheinend außer Hochdeutsch auch keinen Winter mehr. Dabei sollte es angesichts der kippenden Alterspyramide genug Senioren geben, die noch wissen, wie vor 50 Jahren die Winter ausgesehen haben.

Doch die immer öfter und länger anhaltende Schneeabstinenz lässt manche Erdenbürger völlig verzweifeln, wenn Frau Holle ihre Betten mal etwas kräftiger ausschüttelt. Auch der kräftige Schneefall oder Starkregen im Flachland ist ein Teil des sich verändernden Klimas. Wetterfrosch Sven Plöger beschreibt das so: Das Abschmelzen der Polkappen nivelliert die Temperaturunterschiede zwischen Pol und gemäßigten Breiten. Das nimmt dem Höhenwind, genannt Jetstream die Kraft. Stabile Wetterlagen sind die Folge. »Wir müssen uns auf länger anhaltende Wetterphänomene, also Trockenzeiten oder aber Schlechtwetterperioden mit hohen Niederschlagsmengen, einstellen.« Im Sommer war es die Trockenheit – ein Hoch blockierte monatelang jede Wetterveränderung. Momentan befinden sich ein hoch drehendes Tief über den britischen Inseln und ein zweites über St. Petersburg. Beide schaufeln kalte und feuchte Luftmassen Richtung Alpen, dort prallen die Wolken ab und entladen sich.

Was aber macht viele plötzlich so hysterisch, wenn sie weiß sehen. Ein Großteil tragen sicherlich die modernen Medien dazu bei. Nur wer die härteste Schlagzeile hat wird, noch gehört. Außerdem: Mehr Menschen als früher sind extrem mobil. Sie erwarten, dass sie jederzeit spontan und preisgünstig den Ort wechseln können. Und auch die Industrie ist mehr denn je auf Mobilität angewiesen. Alle Mobilitäts- und Versorgungssysteme sind heute auf Effizienz zum möglichst niedrigen Preis getrimmt. Die Bahn soll Gewinne erzielen - aber Reserveloks und Waggons, die elf Monate im Jahr herumstehen, kosten Geld. Die Städte und Gemeinden müssen sparen. Viele milde Winter lang rosteten die Räumfahrzeuge vor sich hin, und das Streugut verstopfte die Bauhöfe. Da haben viele Kämmerer solche Brocken in ihren Etats reduziert.

Gut, dass zumindest der Winterdienst im Ermstal und von Bad Urach auf die Alb funktioniert. »Wir starten morgens um fünf mit der ersten Räumfahrt. Die letzte findet dann so gegen zehn statt«, erzählt Heinz Katzmaier, Leiter der Bad Uracher Baubetriebe. Die Räumung findet nach einem festgelegten Plan statt, auf dem die Straßen nach Prioritäten gestuft sind und der von den Baubetrieben gemeinsam mit den Ortsverwaltungen festgelegt wurde. Höchste Dringlichkeit haben dabei die Hauptverkehrsstraßen und die zentralen Straßen in größeren Wohngebieten. Eine besondere Herausforderung ist für die Männer des Bauhofs zudem, dass in einigen Ortschaften die Leute entlang der jeweiligen Haupt- oder Durchgangsstraßen parken.

Somit wird der Fahrweg für den Schneepflug sehr eng. »Die Räumfahrzeuge des Landkreises sind manchmal sogar noch größer als unsere eigenen und kommen dann nicht mehr durch. Oder die Gefahr dabei die geparkten Autos zu beschädigen ist zu groß«, wie der Bauhofleiter anfügte. Er appelliert daher an die Anwohner der betreffenden Straßen ihre Autos, wenn möglich, in den Hofeinfahrten zu parken und nicht entlang der Straßen. Wittlingens Ortsvorsteher Horst Vöhringer bringt es auf den Punkt: Etwas mehr Gelassenheit ist angebracht. »Und wenn jeder regelmäßig selbst die Schippe in die Hand nimmt und bei sich vor der Tür räumt und dann noch älteren oder gebrechlichen Nachbarn bei deren Winterdienst hilft, dann ist das alles kein so großes Problem mehr«.