Wenn heute Abend um 18.30 Uhr im Forum 22 in Bad Urach der Film »Härte« über den Kampfsportler Andreas Marquardt läuft, ist, wer einen hollywoodähnlichen Actionreißer erwartet, fehl am Platz. Gewalt ist in diesem Film dennoch eine prägende Kontante. Zu sehen ist aber auch »Gewalt, die nicht mit Fäusten verübt wird«. Zu sehen ist eine »subtilere, aber nicht weniger grausame Grenzüberschreitung, vor der niemand gefeit ist«. Der Rosa von Praunheim-Film basiert auf Marquarts 2006 veröffentlichter Autobiografie Härte – Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt. In dieser schildert der Berliner seine Kindheit, in der ihm der Vater Gewalt antat und die Mutter ihn sexuell missbrauchte.

Gewalt in der Familie, Gewalt gegen Kinder ist alltäglich in Deutschland. Es sind beschämende Zahlen: 133 Kinder starben 2016 in Deutschland durch Gewalt oder Vernachlässigung. Die Kriminalitätsstatistik zeigt, Gewalt gegen Kinder ist alltäglich und sie nimmt zu. Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, betont, dass Statistiken wie auch Zahlen aus der Kinder- und Jugendhilfe jedoch nur die Spitze des Eisbergs abbildeten. Der Stadtjugendring Bad Urach (Betreiber der Kinos in der Kurstadt und in Metzingen) und der Verein Wirbelwind in Reutlingen wollen mit diesem Film, der ebenfalls in Metzingen im Luna gezeigt wird, auf dieses Tabuthema aufmerksam machen. Wirbelwind ist anerkannter Träger der außerschulischen Jugendbildung und setzt sich im Landkreis Reutlingen für die sexuelle Selbstbestimmung von Jungen und Mädchen und jungen Erwachsenen ein. »In diesem Kontext arbeiten wir gegen sexuelle Formen von Gewalt. Das Ziel der Beratungsstelle ist es, die soziale und psychische Situation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen die sexuelle Gewalterfahrung machen oder gemacht haben, zu verbessern«, betont Silvia Schwarzmann, die Vorsitzende des Vereins. Therapiert werden die Betroffenen bei Wirbelwind allerdings nicht. Nachdem die Lebenssituation sondiert wurde, helfen die Mitarbeiter, begleiten die Kinder oder Jugendlichen zum Rechtsanwalt oder zur Therapie.

Ganz vorne steht jedoch die Aufklärung. Und die geschieht nicht nur bei Elternabenden in Schulen oder Kindergärten, sondern auch über das Medium Film. Der 1992 gegründete Verein hat es jährlich mit 50 bis 80 Hilfesuchenden zu tun. Noch immer ist es schwer für viele Opfer den Weg in die Rommelsbacher Straße in Reutlingen (Haus des Bürgertreffs) zu finden. Was in Familien geschieht, unterliegt oft noch einem Tabu. Gewalt gegen Kinder lässt sich nicht auf Altersgruppen oder bestimmte Schichten zurückführen. Das geht durch die gesamte Gesellschaft, sagen Experten. Aber es gibt Risikofaktoren: Dazu gehören Alleinerziehende und Eltern in prekären finanziellen Umständen. Erfahrungsgemäß sind es die Kinder, die Gewalt oder sexuelle Übergriffe in der Familie erlebt haben, die später ihre eigenen Kinder gewalttätig erziehen. Andreas Marquardt hat die Kurve gekriegt.

In dem Film wird gezeigt, wie er nach den Erfahrungen in seiner Kindheit zunächst seine Aggressionen als Erwachsener im Kampfsport kanalisiert. Als ihm angeboten wird, im Rotlichtmilieu zu arbeiten, gerät er in eine Welt aus Geld, Gewalt und Prostitution. Für seine Machenschaften sitzt Marquardt später acht Jahre im Gefängnis ein. Niemand hält zu ihm außer Marion, die er sogar am Weihnachtsabend auf den Strich schickte. Sie liebt ihn trotz allem und macht ihm Mut, den Weg zurück in ein bürgerliches Leben zu finden. Als er entlassen wird, gründen beide eine Kampfsportschule in Berlin-Neukölln, in der Marquardt bis heute Kinder und Jugendliche unterrichtet.