Der Haustürwahlkampf erlebt eine Renaissance sagen die Wahlkampfstrategen. Doch wer will das wirklich? Ich stelle mir vor Michael Donth von der CDU, Rebecca Hummel (SPD), Pascal Kober von den Freien Demokraten, Jessica Tatti von den Linken oder gar Wolfram Hirt von der AfD klingeln an meiner Haustür und wollen mich davon überzeugen, ihre Partei zu wählen. Ein Alptraum! Es ist schon schwer genug zu ertragen, wenn einem, ob im Ermstal oder der ganzen Republik von jedem Laternenpfosten ein Gesicht entgegenblickt, das eine verkrampfte Parole von sich gibt.

Der Kampf um die Volksgunst führt zu Flachheiten der üblichen Art. Beispiele gefällig: »Deutschland liegt uns am Herzen«, »Zukunft erfordert Entscheidungen«, »Mehr Zeit für Gerechtigkeit«. Was für viel Geld von namhaften Agenturen »kreiert« und dann auf die Plakate geklebt wurde, ist in vielen Fällen einfach zum Heulen oder völlig inhaltsbefreit. Sprechblasen statt Argumente zeugen davon, dass unsere Politikkaste glaubt mit hohlen Sprüchen, den so genannten mündigen Bürger für dumm verkaufen zu können. Dabei gibt es genügend Themen, die die Bürger umtreiben: der internationale Terrorismus, die Zuwanderung, das Auseinanderdriften von Arm und Reich oder ganz aktuell: das Versagen des Staates beim Dieselskandal. In etwas mehr als drei Wochen am Sonntag, 24. September, sollen die Bürger den 19. Deutschen Bundestag wählen.


Doch was haben die Parteien für Antworten auf die Fragen der Bürger? Die CDU gefällt sich in ihrer Rolle als Kanzlerinnen-Partei, die aufgrund der Überlegenheit von Angela Merkel keine Notwendigkeit sieht, Inhalte zu präsentieren, geschweige denn Argumente oder Problemlösungen zu formulieren. Es ist das altbekannte »Weiter so«. Gut zu beobachten beim Wahlkampfauftritt von Kanzleramtsminister Peter Altmaier in der Metzinger Kelter, der kam, um seinen Parteifreund Michael Donth zu unterstützen. Richtig heiß waren an diesem Abend nur die Temperaturen in der Kelter.


Zwar sprach Altmaier nicht von »blühenden Landschaften« wie einst Kohl mit Blick auf die DDR, aber Deutschland stehe nach zwölf Jahren Angela Merkel besser da als je zuvor. Ein bisschen was soll sich doch ändern: Zur Beruhigung der Wahlklientel sollen mehr Polizisten eingestellt werden, nachdem jahrelang der Polizeiapparat ausgedünnt wurde. 


Steuererhöhungen sollen ausbleiben. Da muss man schon froh sein, Deutschland liegt ja auch mit einer Abgabenlast auf das Einkommen eines deutschen Durchschnittsverdieners 2016 bei 49,4 Prozent und damit weit über dem weltweiten Schnitt von 36,0 Prozent. Nur in Belgien war die Belastung mit 54,0 Prozent noch höher. Aber wer will in Belgien wohnen?
Doch wer nun glaubt, dass der Noch-Koalitionspartner SPD aus der Selbstzufriedenheit der CDU Kapital schlägt, wird enttäuscht. Martin Schulz – als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet – ist zwar als Gesicht präsent, aber bei einem Slogan wie »Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind«, fällt einem nur der Wahlkampf 2013 ein: »Für ein Alter ohne Armut«, »Für mehr Kitaplätze« hieß es damals. Das Recyceln der alten Slogans hätte den Sozialdemokraten viel Geld erspart. Auffällig ist, dass die Sprüche auf den Wahlplakaten zwar für viel Geld von Agenturen entstanden sind, aber anders als bei der Werbung für Konsumgüter keine klaren Zielgruppen definiert werden. So bleiben die brisanten Themen außen vor. Die Parteien wollen es mit keiner Bevölkerungsgruppe verderben, es könnte ja Wähler kosten. Am Ende bleiben weichgespülte Botschaften.
Da machen auch die Grünen keine Ausnahme oder wie ist sonst der Slogan » Von weniger Europa hat keiner mehr« zu verstehen. Ob die Liberalen mit ihrem als Pop-Politiker stilisierten Christian Lindner Erfolg haben werden, muss sich zeigen.


Zumindest ist der FDP Mut zu attestieren mit dem Schwarz-Weiß-Konterfei von Lindner und längeren Texten sich ein neues Image zu verschaffen.
Leider werden erst nach dem 24. September die Experten wieder klüger sein, warum die Wahl so und nicht anders ausgegangen ist. Der obligatorische Dank der Politiker an die Wähler – selbst nach größten Stimmeneinbußen – ist dem Bürger jedoch gewiss.