Die Spatzen pfiffen es schon seit Wochen von den Dächern: Die Chirurgie in der Ermstalklinik schließt zum Ende des Jahres. Der Grund ist die mangelnde Bettenauslastung. Dies hatte der Aufsichtsrat der Kreiskliniken bereits am 9. Oktober beschlossen. Der Kreistag nahm am Dienstag von der Entscheidung Kenntnis. Noch vor wenigen Monaten hörte sich alles ganz anders an, als der Vorsitzende des Fördervereins Ermstalklinik, Siegfried Weber, seine Rede bei der Hauptversammlung mit den Worten endete: »Die Ermstalklinik ist stabil und zukunftsfähig«. 

Der Umschwung kam nicht plötzlich, es ist höchstens bei manchen Beteiligten ein Verschließen der Augen vor der Realität. Die Ermstalklinik steht nämlich nicht alleine da, sondern gehört zusammen mit der Albklinik in Münsingen dem Verbund der Kreiskliniken an. Und die produzierten im vergangenen Jahr einen Verlust von 6,7 Millionen Euro. Auch für das laufende Jahr sieht es nicht viel besser aus: Mindestens 3,7 Millionen Euro werden es wohl sein. Also weit weg von einem ausgeglichenen Ergebnis wie es im so genannten Zukunftskonzept 2013 bis 2018 anvisiert worden war. Da hilft auch wenig, dass Landrat Thomas Reumann, der gleichzeitig auch Aufsichtsratsvorsitzender der Kreiskliniken und Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist, auf die letzte Umfrage der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft verweist, nach der 49 Prozent der Krankenhäuser in 2017 negative Jahresergebnisse erzielt hätten.

»Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich die politischen Rahmenbedingungen für die kleinen Krankenhäuser weiter verschlechtert haben«, betonte Reumann. Das bisherige Zukunftskonzept sei an seine Grenzen gestoßen. Er sprach von einem notwendigen Paradigmenwechsel: Braucht es weiterhin eine Klinik an drei nahezu ausschließlich stationär ausgerichteten Standorten? Fakt ist, dass die Gesundheitsversorgung sich verändert hat und weiter verändern wird. Operationen und Eingriffe, die früher stationär durchgeführt wurden, erfolgen heute ambulant. Der Patient sucht sich seinen Operateur und sein Krankenhaus genau aus. Die Wohnortnähe ist nicht mehr das alleinige Entscheidungsmerkmal.

Und der Kostendruck steigt. Die Ermstalklinik ist Leidtragende. Bei einer Bettenauslastung von unter 40 Prozent ist ein wirtschaftlicher Betrieb kaum möglich. Das Einsparpotenzial beziffern die beiden Geschäftsführer der Kreiskliniken, Friedemann Salzer und Norbert Finke, mit rund 1,9 Millionen Euro. Für die wegfallende Chirurgie soll eine ambulante unfallchirurgische Facharztpraxis eingerichtet werden. Außerdem soll in der Altersmedizin das Bettenkontingent erhöht werden, ebenso in der Neuro-Abteilung. Erhalten bleibt die 24stündige Notfallversorgung mit einem Rettungswagen. Nichts Positives konnte Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann, der selbst im Aufsichtsrat der Kreiskliniken sitzt, der Entscheidung abgewinnen. »Wir stehen zu Beginn eines Prozesses, der ganz schlecht für unsere Stadt und die Vordere Alb enden kann.« Dies sind sicherlich keine Unkenrufe angesichts der Situation, in der die Kreiskliniken über ein neues Management-Konzept nachdenken. Fakt ist, die beiden Geschäftsführer scheiden 2019 aus. Ein weiter so, mit neuen Geschäftsführern scheint unwahrscheinlich. Eher dürfte ein Modell wie in Freudenstadt und Esslingen in Frage kommen – eine Führung der Kliniken durch ein Team eines externen Dienstleisters abgesichert durch einen Managementvertrag.

Eine weitere Möglichkeit wäre die Beteiligung eines Unternehmens, das über Erfahrung mit kommunalen Krankenhäusern verfügt. Eine Entscheidung über die drei Optionen wird 2019 fallen. So viel ist sicher: Kommt Variante drei, wird der Rechenstift noch stärker gespitzt und die Zukunft der Ermstalklinik und der Albklinik noch ungewisser, als sie jetzt schon ist. Die Gretchenfrage stellte Reumann selbst: »Bleiben wir dabei, dass sich unsere Kliniken selbst tragen müssen und der Landkreis sich auf Investitionszuschüsse beschränkt oder sind wir bereit dauerhaft Defizite der Kreiskliniken über Haushaltsmittel des Landkreises und damit die Kreisumlage zu finanzieren?«