»Das Paradies brennt« heißt eine Veranstaltungsreihe des »Schwäbischen Streuobstparadieses«. Gebrannt hat es nicht bei der jüngsten Mitgliederversammlung in Hechingen, aber eine ordentliche Neujustierung war nötig, dass die Vertreibung aus dem Paradies nicht notwendig wurde. Ende 2017 steckte nämlich das Schwäbische Streuobstparadies in finanziellen Nöten, dass die Geschäftsstelle in Bad Urach hätte geschlossen werden müssen, wenn die beteiligten sechs Landkreise nicht Geld vorgestreckt hätten.

Unstrittig war von Anfang an die Intention, die Streuobstwiesen zwischen Alb und Neckar dauerhaft am Leben zu erhalten. Sie bilden mit rund 26 000 Hektar eine der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas. Die 1,5 Millionen Obstbäume im Schwäbischen Streuobstparadies sind zu jeder Jahreszeit ein Genuss. Diese jahrhundertealte Landschaft ist ein Kulturschatz und verfügt über eine enorme Vielzahl an Brennereien und Mostereien, Lehrpfade, Obstfeste, Museen, Hochschulen, Hersteller für speziellen Streuobstfachbedarf, eine enorme Sortenvielfalt und vieles mehr. Die Streuobstwiesen prägen die Landschaft und erfüllen dabei wichtige ökonomische, ökologische und soziale Funktionen: Sie sind Lebensraum für über 5000 Tier- und Pflanzenarten, Naherholungsgebiet für Jung und Alt und Ursprung vielfältiger Qualitätsprodukte. 

Folgerichtig wurde 2012 im Mai der Verein gegründet. Momentan zählt er über 240 Mitglieder und ist ein äußerst heterogenes Gebilde. Die Landkreise Böblingen, Esslingen, Göppingen, Reutlingen, Tübingen und Zollernalbkreis, die Regierungspräsidien Stuttgart und Tübingen, zahlreiche Städte und Gemeinden, sowie Vereine, Initiativen, Bildungseinrichtungen und Betriebe aus den Bereichen Obst- und Gartenbau, Naturschutz, Tourismus, Dienstleistung und Produktion und viele andere - sie alle zählen zu den Mitgliedern. Und genau da hat der Verein seinen Pferdefuß. »Allen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann«, heißt ein Spruch im Volksmund. Von einem »Geburtsfehler« spricht Dietmar Bez, Vorsitzender des Kreisverbandes der Obst- und Gartenbauvereine Reutlingen. Zu viele Landkreise, viele Ideen wurden kreiert, viel wurde angepackt, aber die Personalausstattung mit 1,5 Stellen war für die Aufgaben zu gering. »Und das Ganze war von Anfang an unterfinanziert«, so Bez. Die Landkreise bezahlten jeweils 7000 Euro im Jahr, dazu kamen die Mitgliedsbeiträge. Der Verein musste sich fokussieren, meint auch Manuel Strasser, der mit seiner Brennscheuer in Dettingen Mitglied ist.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der Verein sich verzettelt hat und nicht zuletzt Geld und Manpower für Bereiche aufgewendet hat, die nicht originär dessen Aufgabengebiet sind: So setzte der Verein einen Schwerpunkt auf den Tourismus und war auf Messen wie der Caravan, Motor, Touristik (CMT) vertreten und brachte eine Broschüre zu Radrouten durch Streuobstgebiete heraus. »So etwas ist Aufgabe der Tourismusverbände«, sagt Bez. Als richtig empfindet auch Strasser den nun eingeläuteten Kurswechsel. Positive bewertet er die Einbindung aller Beteiligten. Jede Gruppe, ob Vereine, Betriebe, Kommunen oder Landkreise wurden gehört, um herauszufiltern, wo die Interessen liegen. Herausgekommen ist eine Konzentration auf die Kernkompetenz des Vereins, wie es die Geschäftsführerin Maria Schropp formulierte. Oberste Priorität hat die Vernetzung der Mitglieder, speziell zwischen Erzeugern, sprich Gütlesbesitzern und Produzenten wie Mostereien und Brennereien. Dafür gibt es künftig eine Börse. Auf dieser Handelsplattform, so Strasser, können sich beide Seiten über Angebot und Preis austauschen. Etwa über die Palmischbirne oder die Goldparmäne, die Strasser für seine sortenreine Brände benötigt. 

Weiterhin reifen sollen die Blütenträume zwischen April und Juni 2019. Die Broschüre »Schwäbisches Hanami« wird weitergeführt. In ihr sind Highlights des Streuobstparadieses mit Wanderungen, Kutschfahrten, Hocketsen, Blütenumgängen, Führungen und vielem mehr aufgelistet.
Im Angebot bleibt die Bio-Sammelzertifzierung, Most und Cider sowie größere Veranstaltungen. Möglich wird dies durch eine deutliche Aufstockung des jährlichen Etats durch die Landkreise. Sie bezahlen von nun an 13 000 Euro jährlich, so dass die Grundfinanzierung steht. Schwierig ist nach wie vor Unterstützung vom Land zu bekommen, da es von dort keine Dauerförderung gibt, sondern lediglich Zuschüsse für Projektarbeit. Hier steht der Verein aber in direkter Konkurrenz zu den Bauern. »Vereinigung ist das Mittel, alles zu können«, steht als Zitat Pestalozzis auf der Homepage des Streuobstparadieses. Die letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass der Ansatz etwas zu hoch gegriffen war.