Die Diskussion ist nicht neu, das Problem komplex und eine Lösung nicht in Sicht: Führt die Verkehrsberuhigung in Klein- und Mittelstädten zum schleichenden Tod von Läden im Stadtzentrum? Bad Urach und der Nachbar Erms abwärts, Metzingen, leiden - abseits des Outlet-Tourismus - unter ähnlichen Symptomen. Nur dass in der Sieben-Keltern-Stadt der Glaube herrscht, der Outletbesucher strebe auch die Innenstadt an, so dass regelmäßig ein neues Geschäft sein Glück versucht, um Monate später wieder dicht zu machen. Es sind die alteingesessenen Geschäfte, die es in Bad Urach trifft: Lederwaren Schwenkel und Textil Betz schließen ihre Pforten, ebenso die Filiale der Metzgerei Oscar Zeeb. Die Rathausapotheke ist zu, ein Schild weist auf die Filialen in den Einkaufszentren. Die Gründe sind vielfältig. Bad Urach hat mit dem Elsach-Center und den Einkaufzentren am Seilerweg wie Rewe, Lidl, Baywa oder Müller Einkaufmöglichkeiten hinzubekommen, die Parkplätze vor der Tür und damit kurze Wege bieten. 

Als weiteren Grund nennen einige Geschäftsleute die Schließung der Durchfahrt über den Markplatz. Es fehlen die Parkplätze. Bürgermeister Elmar Rebmann konzediert zwar, dass das Einkaufsverhalten sich verändert habe, vertritt jedoch die Meinung, dass neue Geschäfte immer wieder dazukommen. An dieser Stelle macht Jörg Maier, Vorsitzender von des Vereins Bad Urach Aktiv und Inhaber eines Fotofachgeschäfts im Zentrum die Gegenrechnung auf: »Wenn zehn Geschäfte schließen und neu eröffnen bleibt ein Negativ-Saldo von acht, die einfach wegfallen.« Früher habe es florierende Läden in der Bismarcks-, Pfähler-, Lange oder Wilhelmstraße gegeben. Heute blute sogar der Markplatz aus. Die Stadt hat seiner Meinung nach eine komplett andere Sicht auf die Welt. Augenwischerei ist für ihn, wenn Touristen als Einkaufsmacht für den Einzelhandel gewertet werden. »Bad Urachs Einzelhandel lebt von den Leuten vor Ort, die Touristen können höchstens das Sahnehäubchen sein.«

Neben den Einkaufszentren vor Ort spielen auch die Nachbarstädte Metzingen und Münsingen als Konkurrenten eine Rolle. Geld kann man schließlich nur einmal ausgeben. Maier schaut über die Landesgrenzen hinaus und zählt mit Dinkelsbühl, Rothenburg ob der Tauber und Schongau drei Städte vergleichbarer Größe auf, die Autos ins Zentrum fahren und dort parken lassen. So zähle man in Schongau mit seiner historischen Altstadt stolze 116 Einzelhändler. Der Beleg, dass dies nicht nur Ausnahmen sind, sondern es anders funktioniert, liefert für ihn eine Studie des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur und Technologie. In ihr wird die Erreichbarkeit sowohl mit dem Auto als auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln als eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für eine stets belebte Fußgängerzone genannt. Daher müsse unbedingt ausreichend Parkraum zur Verfügung gestellt werden. Auch ein Parkleitsystem erleichtere die Erreichbarkeit mit dem eigenen Auto. Wenn die Entfernung größer als 200 Meter ist, geht der potenzielle Kunde nicht zu Fuß. Auch Parkhäuser werden – so die Einschätzung – vor allem von Frauen nicht gut angenommen. 

Die Konsequenz bei Nichtbeachten dieser Faktoren ist bei allen Städten zwischen 10 000 und 50 000 Einwohnern gleich: Es steigen die Leerstände, dann wird das Geschäftsbild monoton und austauschbar, und am Ende bluten die Ortskerne aus. Einen Königsweg gibt es nirgendwo. Die Kurstadt hat mit Bad Urach Aktiv einen rührigen Verein, der durch Aktivitäten wie das Apfelfest am 7. Oktober, den Antikmarkt oder den Bauernmarkt Frequenz in die Kernstadt bringt. Dies reicht allein nicht. Wenn die Rahmenbedingungen dauerhaft nicht stimmen, dreht sich die Abwärtsspirale weiter. Eine andere Konsequenz ist in Metzingen, wo die Mietpreise höher sind, schon länger zu beobachten. Da verliert der Einzelhandel im Zentrum ebenfalls, es bleibt jedoch nicht beim Leerstand, stattdessen öffnen Nischen-Geschäfte oder Ess-Lokale ausländischer Provenienz – beide meist mit kurzer Halbwertszeit.