TÜBINGEN/HAGELLOCH. Das Wetter spielt allen in die Hände: Auf dem Bolzplatz in Hagelloch weht zwar etwas Wind, doch die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Dass diese Bedingungen fürs Spritzen der Eichenprozessionsspinner ideal sind, erklärt Michael Jäger von der Stadt Tübingen. »Das Biozid, das die Larven nachher fressen, wird auf die frisch ausgetriebenen Eichenblätter gespritzt. Regen würde das Mittel sofort wieder abwaschen.« Eines ist klar: Die Bekämpfung der Larven ist hier dringend nötig. Die Gifthaare, die Eichenspinnerlarven nach dem dritten Larvenstadium ausbilden, können bis zu 100 Meter weit in den Wind verweht werden. Vor allem Kinder sollen vor möglichen Entzündungen der Haut, der Augen oder der oberen Luftwege geschützt werden. Doch die Bekämpfung ist kein Leichtes, denn bei hohen Eichen sitzen die Larven in der Baumkrone. 

Im Steiger geht es also hoch hinaus, zusammen mit den Experten Reinhard Petersen und Meinrad Bachmann von der Stadtgärtnerei Tübingen. Oben angekommen ist jedoch erst einmal nichts zu sehen. »Die Larven sind extrem klein und von hier aus schwer auszumachen. Außerdem sitzen sie unter den Ästen«, erklärt Bachmann. Erst nachts trauen sie sich heraus, und fressen die jungen Eichenblätter. »Anderen Tieren schadet das Biozid nicht – nur Larven nehmen übers Fressen das Bakterium auf, an dem sie dann verenden.« Glücklicherweise ist die Bekämpfung verhältnisweise einfach, denn bei schwer zugänglichen Eichen müssen Baumkletterer engagiert werden. Auch wenn die Larven schon giftig sind, wird es erheblich aufwändiger und teurer. Michael Jäger zeigt mir ein noch toxisches Nest aus alten Häuten und Absonderungen, das noch vom letzten Jahr auf dem Boden liegt. »Teilweise sind noch die Härchen zu erkennen, die so gefährlich sind. Spielen können Kinder hier jedenfalls noch nicht«, sagt der Spezialist. 

Der Sportplatz ist von Eichen mittlerer Höhe gesäumt, die mit einer Spritzkanone abgehandelt werden. Mit Hochdruck wird das Mittel dabei von unten auf die Blätter gespritzt. Im Vergleich zu den anderen Verfahren ist das viel einfacher. »Wie letztes Jahr ist die Vermehrung des Eichenspinners enorm, es ist schlichtweg unmöglich, alles abzudecken«, meint Michael Jäger. Hinzu kommen noch Privatbesitzer, die professionelle Hilfe benötigen. Viel Zeit haben die Kollegen von der Stadtgärtnerei jedoch nicht. Um eine Gefahr zu vermeiden, müssen die Larven Ende April bis Mitte Mai bekämpft werden. Danach bilden sie die Gifthaare aus und sind schon eine Gefahr. »Selbstverständlich haben Bolz- und Spielplätze wie dieser und Stellen in Nähe von Schulhöfen absolute Priorität. Wenn das Wetter weiter so mitspielt, haben wir Grund optimistisch zu sein.« Die Frage, ob der Eichenspinner und spätere Nachtfalter irgendeine spezielle Funktion habe, verneinen die Experten. »Die starke Vermehrung der Eichenspinner seit 2018 könnte mit dem Klimawandel zusammenhängen«, vermutet Bachmann.                                                                                                                                                                                                                  –ras