REUTLINGEN. Weniger Verkehr, bessere Luft und umweltbewusstes Handeln: Das sind die wohl wichtigsten Punkte, die derzeit in Sachen Luftreinhaltung eine Rolle spielen. Nun hat der Reutlinger Gemeinderat gehandelt und vergangene Woche einen Luftreinhaltungsplan verabschiedet. Allerdings stehe die Stadt unter Druck, müsse mit einem durcheinandergewirbelten Arbeitsprogramm hantieren und den Forderungen des Verwaltungsgerichtsurteils gerecht werden.

Dieses schreibt eine deutlich geringere Belastung durch Stickstoffdioxid bis 2020 vor. »Ein Begriff, eine Priorisierung von außen«, erklärt Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und fügt hinzu, »hierbei dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir abwägen müssen«. Bei all den Bemühungen um eine reinere Luft und weniger Stickstoffoxid steht auf der einen Seite der Aspekt der Bürgergesundheit , auf der anderen aber auch das erhalten der Städtischen Wirtschaftlichkeit. Gegen ein Lahmlegen der Stadt oder gar ein Fahrverbot für bestimmte Dieselmodelle sprach sich Bosch deutlich aus. Dies zu umgehen werde nun versucht.


Der Luftreinhaltungsplan orientiert sich an der inzwischen vierten Fortschreibung des Regierungspräsidiums Tübingen (seit November im Internet unter www.rp.baden-wuerttemberg.de einlesbar). Der darin enthaltene Punkt 1 ist schon erledigt. Der Scheibengipfeltunnel steht. Rund 5 500 Autos weniger passieren seit November dadurch täglich die Lederstraße. Vielleicht hat der Rückgang aber auch mit dem absichtlich verlangsamten Vorankommen in der City zu tun. Ampelanlagen am AOK-Knoten sowie an anderen Verkehrspunkten in Reutlingen wurden umgestellt und zukünftig sind auch überall dort, wo jetzt noch Tempo 60 gilt, die innerörtlichen 50 Kilometer pro Stunde vorgeschrieben, wie Punkt Nummer drei beinhaltet. Dazwischen liegt noch das LKW-Durchfahrtsverbot, welches Ende Februar im Gemeinderat auf dem Tisch liegt. 


Derzeit wird vom Experten auch geprüft, was die Wegnahme von Fahrspuren, beispielsweise auf der Konrad-Adenauer-Straße oder an der Ausfahrt des Hohbuch-Knotens für Auswirkungen hätte. Falls das Ergebnis der Wirkungsprognose gut ausfällt, geht die Stadt zunächst mit Provisorien ans Werk, sieht zu, dass noch mehr Durchgangsverkehr durch den Scheibengipfeltunnel geleitet wird. 


Natürlich gibt es auch Maßnahmen, um die sich nur »Dritte« kümmern können. So zum Beispiel die Förderung der Elektromobilität oder das betriebliche Mobilitätsmanagement. Auf die Regionalstadtbahn wartet Bosch schon lange und »wird auch weiter dafür eintreten«. Die Gelder von Bund und Land stehen hierfür aber bekanntlich immer noch aus. Was Punkt 4 des Luftreinhalteplans angeht – das Stadtbus-Konzept, die Förderung von Rad- und Fußverkehr - gibt es noch keine Zusage zur Zeitvorgabe des Regierungspräsidiums, das vorerst Anfang 2019 (Stadtbuskonzept Ende 2019) mit einer Beschlussfassung rechnet.


2020 zeigt sich dann, ob die Prognose der Wirkungsanalyse bezüglich eines Rückgangs von Stickstoffdioxid auch bewahrheitet. Stefan Dvorak vom Amt für Stadtentwicklung und Vermessung zeigt sich, was das angeht, optimistisch. Denn Reutlingen liegt laut Statistik bereits seit 2014 unter der kritischen Grenze einer Feinstaubbelastung. Seit 2009 zeigen die Prognosen für den Stickstoffdioxidgehalt in der vielbefahrenen Lederstraße und bei anderen Messstellen eine beharrliche Abnahme. Immerhin einige Mikrogramm pro Jahr, während der KFZ-Bestand in der gleichen Zeit um über 10 000 Autos zugenommen hat.

Fazit: Bund und Land, zu guter Letzt das Verwaltungsgerichtsurteil üben enormen Druck auf die Kommunen aus. Reutlingen fügt sich, muss sich fügen. Bosch betont aber vehement »die Verursacher sind nicht wir«. In die Pflicht genommen gehöre die Automobilindustrie. Mit Hoffnung blickt sie deshalb auf den zweiten Dieselgipfel, der bald stattfinden soll. »Wir, die Städte, werden sonst weiterhin nur an den Symptomen herumdoktern«.