REUTLINGEN. Martin Sowa hatte einen Plan: »Ich will etwas Besonderes machen, als wäre es etwas ganz Normales.« Heute genau vor 40 Jahren setzte der junge Student für Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen (PH) seinen Plan in die Tat um und bot eine Sportstunde für Menschen mit Behinderung an. »Alles begann mit vier Vorschulkindern in einem Gymnastikraum ohne Sportgeräte«, erinnert sich Sowa. Die Eltern der Kleinen drückten sich an der Fensterscheibe die Nasen platt.

Zuerst Widerstände

Bei der TSG Reutlingen war man erst wenig begeistert von Sowas Vorstellung einer eigenen Abteilung für Behindertensport. Die Diskussion im Vorstand über das Für und Wider fand erst ein Ende, als ein Mitglied der Judo-Abteilung aufstand und forderte: »Jetzt gebt dem Jungen halt 5 000 Mark damit er ein paar Bälle, Stäbe und Geräte kaufen kann, falls es nichts wird, bleiben dem Verein die Sachen immer noch zum Selbstbenutzen.« Zwei Monate später hatte die neue Abteilung bereits 120 Mitglieder. Heute ist die TSG Inklusiv mit 548 Mitgliedern die zweitgrößte Abteilung der TSG. »Nur die Abteilung der Skifahrer ist größer, aber der Klimawandel arbeitet ja für euch«, sagt Tom Bader beim Pressegespräch anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Abteilung. Anfangs verfolgte Sowa noch einen eher spielerischen Ansatz. Doch seine Sportler wollten mehr und überreichten ihm schließlich einen Zettel, auf dem in krakeliger Schrift ihre Wünsche standen: Fußball, Basketball, Tischtennis. Angesichts der teils starken Einschränkungen seiner Sportler eine echte Herausforderung für Sowa – doch er nahm sie an.

Mühseliger Anfang

Die ersten Versuche eines Fußballspiels seien recht frustrierend gewesen erinnert sich Sowa. Da sei ihm klar geworden: »Du musst die Sache nicht vom Spiel her denken, sondern von den Fähigkeiten jedes Einzelnen ausgehen.« Wenn jemand gerne Minigolf spielen möchte, obwohl er nur den Zeigefinger bewegen kann, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Also legt Sowa zwei Bänke nebeneinander schräg an einen Kasten, dass sie eine Rinne bilden und legt einen Ball darauf. Schon kann sein Schützling den Ball mit dem Finger auf die Reise schicken. »Wenn mich jemand einen verrückten Spinner nennt, dann nehme ich das als doppeltes Kompliment«, sagt Sowa. Und um verrückte Ideen ist Sowa nie verlegen. Mal zieht er einen schwer Mehrfachbehinderten an einem Seil zur Hallendecke hoch, damit er bewaffnet mit einer Pickelhaube einen Ballon jagen kann, der mit Konfetti gefüllt ist, mal teilt er ein Hockeyfeld in verschiedene Bereiche nach Grad der Behinderung ein und macht die mit den größten Einschränkungen zu gefeierten Torschützenkönigen.

Begeisterte Eltern

Die Eltern sind begeistert von der kreativen Arbeit des Vereins und sehr dankbar für das große Engagement, das ihren Kindern bei der TSG Inklusiv entgegengebracht wird. »Unser Sohn lernt da Haltung, Werte und Fair Play«, sagt etwa die Mutter von Sportler Holger Hautzinger. Auch die Schwester von Jochen Rüter ist voll des Lobes für den Verein, wenn sie sieht, mit welcher Freude und Begeisterung ihr Bruder jede Woche zum Sport geht. »Und bei ihren Spielen strahlen beide Mannschaften um die Wette.«

Hauptamtliche Unterstützung

Albrecht Tappe gilt als der »Thomas Gottschalk« der Abteilung. Mit einem freundschaftlich fordernden »Wetten, du schaffst das nicht«, hilft er den Sportlern immer wieder, über sich hinauszuwachsen. Er ist seit 1983 dabei und seit 1990 hauptamtlich für die TSG Inklusiv tätig. Ehrenamtliche sind seit dem Umzug der sonderpädagogischen Fakultät von Reutlingen nach Ludwigsburg 2015 schwer zu finden. Daher musste der Verein auf hauptamtliche Beine gestellt werden. »Das hat auch ganz neue Möglichkeiten eröffnet«, sagt Tappe. Neben ihm sind drei Hauptamtliche, zwei FSJler und eine Duale Studentin für die Abteilung tätig und damit rund ein Drittel aller Hauptamtlichen der TSG Reutlingen. Sowa ist seit 1979 Abteilungsleiter im Ehrenamt. Die Sportler glänzen nicht nur durch ihre Freude am Sport, sondern auch mit Erfolgen. Holger Hautzinger hat es aufgegeben, seine vielen Urkunden zu zählen. »Aber es sind über 200«, sagt er Stolz. Sein Vereinskollege Hartmut Freund hat erst kürzlich den zweiten Platz bei der Tischtennis-Weltmeisterschaft in Abu Dhabi geholt. Tappe (58) und Sowa (64) sind ihre Arbeit jedenfalls noch lange nicht müde. »Vom Elan her fühlen wir uns wie Mitte 20.«                                                                                                                                                      –uli