Dieser Sport ist alles andere als ein Kindergeburtstag. Hindernisläufe kosten Körner ohne Ende. Wenn der Starter dann noch gehandicapt ist, folgt eine Tortur. Die Tübingerin Carolin Zendler kann davon ein Lied singen und ging trotzdem nicht leer nach Hause. Am Sonntag erfüllt sich für die angehende Ärztin ein Traum. 

TÜBINGEN/RUDOLSTADT. Es gibt Momente im Leben, da gibt es kein zurück. Am 3. Dezember 2016 stand Carolin Zendler an der Startlinie des Hindernislaufes in Rudolstadt und fühlte sich alles andere als gerüstet für die schweren Aufgaben: 24 Kilometer über Stock, Stein und viel, viel Wasser, viel, viel Eis und dabei noch rund 180 Hindernisse überwinden. Schlappe 800 Höhenmeter waren zu bewältigen. Im Darm grummelte es, die Ärztin im Praktikum hatte sich einen Norovirus eingefangen und schleppte sich an die Startlinie. Wer jemals so einen Infekt hatte, kann ungefähr nachempfinden, wie man sich dabei fühlt. Doch Zendler wollte starten.

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Familie erstmals dabei 
Der Grund dafür ist so einfach wie verpflichtend. Ihr Vater und ihr Bruder waren extra nach Rudolstadt gekommen und »ich wollte sie nicht enttäuschen«. Da klemmte sich die 27-Jährige alles zusammen, was ging und lief los. Doch der Veranstalter hatte sich für dieses Jahr noch eine Steigerung ausgedacht der bislang schon sehr harten Prüfung. Noch mehr Hindernisse, noch gemeinere, vor allem eben viel im Wasser und Eis. Die EM-Teilnehmerin ging durch die Hölle, aber es lief. »Ich musste mich zehnmal überreden, weiterzumachen, immer wieder. Es war noch dadurch schlimm, weil ich alleine gelaufen bin, keine Gruppe zog mich mit.« Nach 3:01, 50 Stunden war die Tortur beendet, sie hatte Tränen in den Augen, das erste Mal wie sie versichert, als sie das Ziel erreicht hat. »Es war das Extremste was ich erlebt habe«, sagt sie. Vor allem war sie unendlich schlapp, Elektrolyte fehlten, sie war mit Magenkrämpfen gelaufen. Gleichwohl. Das Ergebnis ist erstaunlich: Sie quälte sich auf Rang vier vor und hat nicht nur dieses Ziel erreicht, sondern auch noch ein viel Größeres: Mit dem vierten Platz hat sie die Qualifikation zur Europameisterschaft im Juni in den Niederlanden in der Tasche. Sie nimmt aber noch mehr mit als dieses Ergebnis: »Ich habe gelernt, dass man fast alles besiegen kann.« Gesiegt hat die Tübingerin schon zwei Monate zuvor und eine weitere Etappe in ihrer beeindruckenden Sportvita erreicht. Im Oktober hatte sie den »Strong-Viking-Lauf« in Frankfurt gewonnen und damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Kanada geschafft. Es sei ein sehr, sehr technischer Lauf gewesen, indem Bouldern genauso gefragt war wie Rennen oder Gleichgewicht und Koordination auf den sogenannten Pagboards. Damit geht ein weiterer Traum für die umtriebige Allrounderin in Erfüllung. »Eigentlich wollte ich ja nur die EM-Quali sicher in der Tasche haben. Die WM in Kanada ist eine schöne Zugabe.« Sie findet im Oktober in den Blue Mountains statt. Bis dahin ist es noch eine Weile hin. Und da warten noch ein paar andere spektakuläre Aufgaben auf die künftige Ärztin, die im Frühjahr das zweite Staatsexamen ablegt.
Am 29. Januar schon steigt ein echter Höhepunkt in ihrer jetzt schon beeindruckenden Laufbahn als Hindernisläuferin. Die Teilnahme am »Tough guy« in England, das ist so etwas wie der Superbowl der Hindernisläufer. Die Veranstaltung gilt nicht nur als der härteste Hindernislauf überhaupt, sondern auch als die Mutter aller Hindernisläufe und trägt den Beinamen: der gefährlichste Hindernislauf der Welt. Dorthin zieht es also die Tübingerin, dort erwartet sie eine Herausforderung der besonderen Art. Doch sie hat ja beim Rennen in Rudolstadt eine ganz besondere Erkenntnis mitgenommen, die sie vorantreibt. »Ich habe gelernt, dass man fast alles besiegen kann.« –diet