Die Psychologin und Buchautorin behandelt traumatisierte Flüchtlinge und ist entsetzt darüber, wie stark das Mitgefühl gegenüber diesen Hilfesuchenden zurückgegangen ist.

 

Als Leiterin der Tübinger Regionalstelle von refugio, dem psychosozialen Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge in der Region Stuttgart, behandelt Ulrike Schneck traumatisierte Geflüchtete. Rund 25 Prozent der Klienten kommen aus dem Landkreis Reutlingen, nehmen also zum Teil stundenlange Anfahrtswege in Kauf, im Kampf gegen die Erinnerung.

 

Mit welchen Problemen kommen die Flüchtlinge hauptsächlich zu Ihnen in psychologische Behandlung?

Rund 40 Prozent aller erwachsenen Geflüchteten haben Traumafolgestörungen.

Ein Kennzeichen ist zum Beispiel, dass der betroffenen Person unwillkürlich, also ohne dass sie das steuern könnte, Erinnerungen kommen. Wir Psychologen nennen das Flashbacks. Die versetzen die Betroffenen unmittelbar in angstgeladene Situationen zurück.

 

Jeder hat ja ab und zu unangenehme Erinnerungen, trotzdem würde da niemand von einem Flashback sprechen...

Diese Erinnerungen sind von anderer Qualität als gewöhnliche Erinnerungen an ein unangenehmes Erlebnis. Man muss sich das wie einen Alptraum vorstellen, der einen plötzlich überfällt. Solche Erinnerungen sind oft auch gar nicht willkürlich abrufbar. Nehmen wir an, jemand wurde in seinem Heimatland von der Polizei aufgegriffen, ins Gefängnis gebracht und gefoltert. Dann kann es sein, dass sich der Betroffene willkürlich überhaupt nicht daran erinnern kann, weil die Psyche sich schützt und die Erinnerung vermeidet. Sieht diese Person, wie ein netter Polizist hier in Deutschland an ihm vorbei geht, dann kann es sein, dass sie urplötzlich in Panik gerät. Man ist plötzlich in einer ganz anderen Geschichte drin, sieht all das Schlimme vor sich, was man gesehen hat, obwohl real gerade nichts Schlimmes passiert. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich im Hier und Jetzt zu orientieren. Das kann zu sozialem Rückzug und zu großer Depression führen.

 

Inwieweit öffnen sich Ihre Patienten Ihnen und erzählen von schlimmen persönlichen Erinnerungen aus ihrem Heimatland?

Wichtig ist eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre, in der man auch Zeit hat und nicht nur zehn Minuten. Viele Dinge sind schwer auszusprechen, etwa sexuelle Gewalt oder Bürgerkriegserfahrungen. Wir sprechen aber nicht ausschließlich darüber. Meine Klienten haben ja auch viele aktuelle Belastungen: Gemeinschaftsunterkünfte, in denen es keinen Raum zum Alleinsein gibt, kein Geld, Unsicherheit wegen der Sprachbarriere, Asylverfahren - das sind alles Stressfaktoren.

 

Dieser Stress, dem die Flüchtlinge gesellschaftlich ausgesetzt sind, wird ja kaum weniger - wie gehen Sie mit politischen Diskussionen um, in denen sich Leute zum Beispiel mehr Abschiebungen wünschen? Macht Sie das wütend?

Ich bin teilweise sehr entsetzt darüber, wie stark das Mitgefühl gegenüber Flüchtlingen zurückgegangen ist. Das macht es für die Geflüchteten nicht einfacher, denn sie sind doch sehr auf Unterstützung angewiesen. Wenn zu den Erfahrungen im Heimatland auch noch hinzukommt, dass sie hier unfreundlich angesprochen, ausgegrenzt oder beschimpft werden, dann trifft das diese Menschen, die ohnehin schon ein verletztes Vertrauen haben. Das tut mir dann auch leid und weh, denn das ist einfach nicht richtig.

 

Von was für Erfahrungen im Heimatland berichten Ihre Patienten denn konkret? Und wie helfen Sie?

Ich möchte Ihnen Details wirklich ersparen, das möchten Sie auch nicht schreiben. Wenn jemand von etwas erzählt, das sehr schmerzhaft oder beschämend war, etwa "ich wurde auf den Kopf geschlagen, dann bin ich zu Boden gegangen und sie haben mich in den Bauch getreten", dann muss ich mir sagen: Ok, ich höre da jetzt einfach mal zu. Was soll man auch darauf antworten? Ich stelle mich zur Verfügung als Zeuge einer Sache, bei der es keine Zeugen gab. Der Person tut es gut, das einfach mal auszusprechen.

 

Wie schaffen Sie es, von solchen Gesprächen "unbeschadet" zu bleiben. Ich weiß zum Beispiel von mir selbst, dass ich kaum einen Film über beispielsweise Kriegserlebnisse im Fernsehen anschauen kann, ohne dass mich das später noch tagelang verfolgt.

Es ist immer die Gefahr, wenn man sehr empathisch ist, dass man die Gefühle der anderen selbst mitfühlt. Das Mitgefühl brauche ich auch, um zu verstehen, und das brauchen auch meine Patienten von mir. Allerdings muss ich innerlich Distanz zu der Person schaffen und wahren. Es bringt ja niemandem etwas, wenn ich da im Gespräch mitheule. Einen Blick von außen zu bewahren, das lernt man, wenn man meinen Beruf ausübt. Aber natürlich muss ich nach manchem Gespräch erstmal Luft holen und vielleicht kurz raus gehen, um zu mir selbst zurück zu finden.

 

Sie könnten auch eine schicke, teure Praxis für Klienten mit "Wohlstandsproblemen" haben - warum haben Sie sich dafür entschieden, mit Flüchtlingen zu arbeiten?

Ich denke es geht mir dabei um Gerechtigkeit. Dass Flüchtlinge, die mit den schlimmsten Trauma-Erfahrungen nach Deutschland kommen, hier teilweise so schlecht versorgt und angenommen werden, das kann ich einfach nicht ertragen.

 

Text und Fotos: Nadine Wilmanns