Seit August 2018 ist Gilbert Mieroph (52), geborener Potsdamer, am Landestheater Tübingen zu sehen. Was dort passiert ist relevant für die Stadt und wird zum Gespräch, sagt er.

Welchen Eindruck haben Sie von Tübingen?

Es ist eine sehr attraktive Stadt.

Erklären Sie das bitte.

Durch die erhaltene Architektur, die Universität. Ich habe das Gefühl, dass hier ein gesellschaftlicher und gedanklicher, freier Geist herrscht. 

Es lässt sich hier also gut leben.

Es gibt eine hohe Lebensqualität. Mit dem Rad ist man einfach unterwegs und kulturell hat die Stadt auch einiges zu bieten. 

Wie schätzten Sie die Tübinger ein?

Die sind ein kulturell interessiertes Völkchen. 

An was machen Sie das fest?

Das was im Theater passiert hat Relevanz in der Stadt. Es wird über Inszenierungen gesprochen und reflektiert. Auch das Publikum ist sehr daran interessiert, was gespielt wird. Das Theater hat Einfluss auf das Stadtleben, was es auch haben soll. 

Warum?

Weil es immer etwas mit Magie zu tun hat. Es kann ein Zauber entstehen, der sich durch die ganze Inszenierung zieht. Wir kreieren Interpretationen, wie ein Stück gelesen werden kann. 

Wie kamen Sie überhaupt dazu Schauspieler zu werden?

Als Kind und Jugendlicher war ich immer wieder im Theater und habe die Inszenierungen oft als spannend empfunden. Ich dachte mir, das würde ich auch gerne ausprobieren. 

Welche Inszenierung ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Hamlet in Moskau. Ich kann ein bisschen russisch, weil ich das in der Schule gelernt habe. Am meisten ist mir die Intensität und Qualität in Erinnerung geblieben. Die Schauspieler haben mich in ihrer Absolutheit total fasziniert. 

Was ist das Tolle an der Schauspielerei?

Sich etwas einfallen zu lassen, wie die Rolle gespielt wird. Es ist immer eine Zusammenarbeit mit der Regie. Dadurch kann man sich selbst im Stück einbringen. Ob ich dem Zuschauer gefalle, interessiert mich nicht. Mich interessiert nur wie er oder sie das Werk als Ganzes sieht. Ob die Inszenierung zu einer positiven Wahrnehmung führt. 

Warum interessiert Sie nicht, was der Zuschauer über Sie denkt?

Meine Einzelleistung möchte ich nicht mit dem Publikum diskutieren. Ich möchte über mich etwas herausfinden, was im normal geregelten Alltag schwer möglich ist. Es gibt wenig Situationen, wo man sich gedanklich und emotional in einen Zustand begeben kann, der losgelöst ist von einem selbst.

Schauspielen bringt einen also dazu, sich mit einem gewissen Abstand zu betrachten.

Jeder spielt als Kind. Nur dann verlernt man es irgendwann. Als Schauspieler behält man das bei, man darf das situative Spielen nicht verlernen.

Welche Rolle möchten Sie unbedingt einmal spielen?

Peer Gynt von Henrik Ibsen. Die Rolle ist mir nie untergekommen. So traurig, dass sie immer an mir vorbei ging.

Was finden Sie an der Rolle faszinierend?

Wenn Frauen Männer verstehen wollen, sollten Sie dieses Stück lesen. Peer Gynt führt die Welt ständig an der Nase herum. Er entzieht sich seiner Verantwortlichkeit und schaut wie er auf seine Art durch die Welt laufen kann. Wie ein Hans guck in die Luft.

Was muss ein Stück haben, damit Sie es gerne spielen?

Es muss einen Spannungsverlauf mit Emotionen geben. Die Figuren sollen sich entwickeln. Entweder positiv oder negativ.

Haben Sie ein Lieblingsgenre?

Nein. Es kommt vor allem auf ein gutes Team an und, dass man zusammen eine gute Zeit hat. Das spürt das Publikum auch, vor allem wenn die Arbeit Hand und Fuß hat.

Sie sind seit 28 Jahren Schauspieler. Welche witzige Anekdote haben Sie erlebt?

Nach einem gespielten Selbstmord der Figur Liliom in einem Stück von Ferenc Molnar, lag ich auf der Bühne und schlief ein. Die Kollegin, die sich mittels ihres Rollentextes ereiferte, warum sich Liliom das Leben nahm, boxte mich in die Seite, weil ich angefangen habe zu Schnarchen.

Haben das die Zuschauer mitbekommen?

Das weiß ich nicht. Theateranekdoten sind außergewöhnlich. Sie passieren im Leben nicht, weil wir als Schauspieler so tun, als ob die Situation gerade genauso wahr wäre. 

In welchen Inszenierungen können die Leser Sie aktuell im Tübinger Landestheater erleben?

In „Die Stunde des Unternehmers“, „Die Antigone des Sophokles“ und in „Klamms Krieg“ von Kai Hensel. Das letzte Stück führe ich allerdings in den Klassenzimmern in Tübingen und Umgebung auf. Das mache ich seit 15 Jahren.