Philipp Haug kommt aus Albstadt und ist der beste Friseur Londons: Vor kurzem hat der Wahl-Londoner den British Hairdressing Award abgestaubt. Nicht geschadet hat da vermutlich das Friseur-Gen, das in seiner Familie seit Generationen weitervererbt wird: Oma, Opa, Mutter, Vater, Bruder – alles Friseure. Bruder Eric und Mama Bettina frisieren im Familienbetrieb „Haare in Bestform“ in Albstadt. Philipp Haug hat es dagegen über seinen Stamm-Arbeitgeber Toni&Guy bereits vor zehn Jahren nach London verschlagen. Als internationaler Art-Director leitet er inzwischen die hauseigene Akademie, reist in die Metropolen der Welt, frisiert Supermodels auf der Londoner Fashion Week – und schneidet samstags im Salon am schicken Sloane Square den Ladies und Gentlemen die Haare. Wir treffen uns im Kaffeehaus „Colbert“ nebenan, bevor er in seinen Arbeitstag startet.

Für eingefleischte Schwaben ist es natürlich nicht nachvollziehbar, wie man freiwillig das Ländle verlassen kann – hast du eine gute Erklärung dafür?

Meine Karriere: Ich bin 34 Jahre alt und seit 34 Jahren Frisör. Das Londoner West End ist für Haare das Zentrum der Welt, meine Eltern waren schon in den 80er Jahren auf Seminaren hier. Anfangs hatte ich keine einfache Zeit: Ich kam gerade zur Weltwirtschaftskrise, mein Gehalt war eine Katastrophe und anstatt, wie erhofft, an der Toni&Guy Akademie zu unterrichten, war ich Vollzeit im Salon in Wimbledon – Zone drei statt Stadtmitte.

Trotzdem hast du dich durchgebissen und bist geblieben…

Ich liebe die Stadt, den Lifestyle, ich mag es hier nach der Arbeit auf ein Bier rauszugehen. Die Engländer sind ja sehr gesellig. So schwierig es auch manchmal ist, zu wissen, woran man mit ihnen ist – man muss da oft zwischen den Zeilen lesen. Die Stadt ist noch mehr zu meiner Heimat geworden, seit ich eine kleine Familie hier habe: Meine Freundin ist in London aufgewachsen und wir haben einen 13 Monate alten Sohn zusammen.

Für England steht ja nun der Brexit vor der Tür – siehst du dem gelassen entgegen oder eher angespannt?

Privat relativ entspannt, beruflich ist der Brexit aber ein großes Problem: Wir brauchen Leute aus dem Ausland, weil zu wenige Friseur werden wollen. Für die Meisten ist es erstmal interessanter, zu studieren, als eine Berufsausbildung mit nur fünf Wochen Urlaub im Jahr zu machen. Wir haben jetzt schon Probleme, genügend Azubis zu finden – und das in der Hauptstadt.

Was meinst du, wie die Sache ausgeht?

Ich glaube zum Schluss war alles für die Katz`. Ich vermute, dass es entweder gar keinen Brexit geben wird oder der Brexit wird so soft, dass im Prinzip alles so bleibt, wie es war.

Seit ein paar Monaten bist du ja der beste Friseur Londons- Kam das völlig überraschend für dich, oder hast du gezielt darauf hingearbeitet?

Also ich fühle mich nicht als der beste Friseur Londons – ich kenne viele, die besser sind als ich. Aber es war schon ein Lebensziel für mich, diesen Wettbewerb zu gewinnen. Ich habe seit 2003 mitgemacht, jedes Jahr, 15 Jahre hintereinander, und ich habe immer gehofft, dass ich irgendwann mal einen Sieg wegkratze.

Passieren einem Spitzenfrisör wie dir noch manchmal Frisur-Pannen?

Ich habe gelernt, dass es am besten ist, ehrlich zu sein, zum einen in Bezug auf was dem Kunden wirklich steht und zum anderen, wie realistisch es ist, es auch so hinzubekommen. Manche kommen mit Bildern von Celebrities in den Salon und vergessen, dass die rund um die Uhr einen Frisör um sich haben.

Bei den Modenschauen ist immer viel Drama – die Leute mögen das auch. Da kommt der Designer und ruft: „Oh mein Gott, die Haare sind eine Katastrophe!“, dann bewegt er drei Haare um zwei Zentimeter und findet es plötzlich den Hammer. Zu meinem Beruf gehört es, zwar immer einfühlsam zu sein, gleichzeitig aber realistisch einschätzen zu können, was man gut gemacht hat.

Gerade bei deiner Arbeit auf der Fashion Week stehst du bestimmt ganz schön unter Druck. Würdest du da nicht manchmal lieber im Salon in Albstadt einer Omi die Dauerwelle föhnen?

Ich mag den Druck und die Anspannung. Ich höre oft, dass Leute zum Beispiel durch die Hektik in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit gestresst sind. Bei mir ist das nicht so, für mich heißt das: „Jetzt geht’s los!“. Routine im Alltag ist für mich das Allerschlimmste. Ich mag es, jeden Tag etwas anderes zu machen.

Du kommst ja aus einer Friseurfamilie – wenn ihr euch in der Familie unterhaltet, sprecht ihr da oft über die neuesten Haarschnitte und gebt euch gegenseitig Tipps?

Ja, ich tausche mich viel mit meiner Familie aus, vor allem mit meinem Bruder. In den zwei Jahren, in denen mein Bruder auch hier in London gelebt hat, hatten wir zum Beispiel immer einen Übungskopf bei uns in der Wohnung, an dem wir Vieles ausprobiert haben. Mein Bruder ist für mich, verglichen mit mir, auch der viel talentiertere Friseur. Ich lerne sehr viel von ihm.

Zum Schluss das Wichtigste: Was ist dein Geheimtipp für schöne Haare?

Die Haare sollten regelmäßig geschnitten werden. Und ich empfehle exklusive Produkte vom Friseur! Die Industrie will uns suggerieren, dass man die gleiche Qualität auch im Supermarkt kaufen kann, das ist aber nicht so. Außerdem kann der Friseur individuell beraten.