,,Regatta der Eisernen" steht auf seinem T-Shirt. Thomas Nuding gehört zu den eisernen Helden, die auf hoher See Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer retten. Doch nicht alle sehen seiner Mission wohlwollend zu. In unserem Gespräch im Garten der Reutlinger Kaiserhalle erzählt der 52-jährige Unternehmer und Stadtrat aus Meßkirch von Abenteuertrips der anderen Art und seinem Frust mit der Politik.

Wie sind sie dazu gekommen aufs Mittelmeer zu fahren um Flüchtlinge zu retten?

Ich habe ein Boot auf dem Bodensee und bin in einem Segelverein, dessen erster Vorstand einen Email-Newsletter mit einem Erfahrungsbericht einer Rettungsfahrt auf dem Mittelmeer verschickt hat. Da dachte ich mir, ich wollte doch immer mal nach Malta und Abenteuerurlaub hört sich auch gut an.

Die Organisation mit der ich gefahren bin, suchte einen Kapitän. Ich bin also als Kapitän auf das Schiff - ohne jedwede Ahnung was mich erwartet. Ich habe schnell gesehen, dass das ein großes und notwendiges Engagement ist und habe beschlossen: Abenteuerurlaub war gestern, das ist jetzt Berufung. Und seitdem mache ich das mindestens zweimal im Jahr.

Hat sich in der Zeit seit ihrer ersten Rettungsfahrt etwas verändert oder ist es jedes Mal dasselbe?

Es gibt viele Unterschiede. Zu Beginn hatten wir die Unterstützung der Marineeinheiten der Küstenwache. Ich habe es als zutiefst befriedigend empfunden, Leute vor dem Ertrinken zu retten. Im Laufe der Zeit ist die Akzeptanz unserer Einsätze in der Bevölkerung jedoch immer mehr geschwunden und parallel dazu die Unterstützung der Küstenwache. Letztes Jahr hatten wir eine heftige Mission: Vier Tage Einsatz nonstop, insgesamt vielleicht sechs Stunden Schlaf, fast 1500 gerettete Menschen. Wir hatten temporäre Unterstützung der Bundeswehr, aber mitten im Einsatz hatten die keine Lust mehr, weiter zu helfen. Es hieß: ,,Jetzt sind wir voll, wir fahren jetzt heim". Wir kamen dann zu einem sinkenden Schiff, da war ich zum ersten Mal mit fünfzehn Toten konfrontiert. Aber es waren auch 126 Überlebende, die ohne uns nicht überlebt hätten.

Warum denken Sie, wird Ihre Arbeit von der Bevölkerung weniger geschätzt?

Es liegt an der Desinformation der Bevölkerung und die hat Systematik. Gründe, warum Menschen von zu Hause fliehen, gibt es viele und wir können ja nicht alle aufnehmen. Aber wir dürfen die Menschen, die von zu Hause fliehen nicht einfach im Mittelmeer ertrinken lassen. Für mich ist der Aspekt des inhumanen Sterbenlassens zentral. Diejenigen, die gegen unsere Mission sind, sind die, die eine subjektive Angst vor Flüchtlingen haben und Angst vor Überfremdung und die dann billigend in Kauf nehmen, dass Menschen sterben. Wir haben die letzten Jahre damit verbracht, Afrika auszubeuten und es damit in die Unselbständigkeit gezwungen. Solange wir für dieses Problem keine Lösung haben, müssen wir zumindest mit humanitären Möglichkeiten dafür sorgen, dass niemand mehr ertrinkt. Leider werden Helfer oft kriminalisiert. Keiner würde auf die Idee kommen, die Feuerwehr zu beschimpfen, wenn sie hilft. Wenn Leute ertrinken, dann sollte man froh sein, dass es Menschen gibt, die retten.

Apropos Feuerwehr: Da haben Sie ja bereits Rettungserfahrung gesammelt...

Ich war schon immer jemand, der gerne in jeglicher Form hilft. In meinem Heimatort bin ich bei der Feuerwehr und bin von Haus aus robust veranlagt: Mir macht es nichts aus, Tote zu sehen. Ich habe um die 3000 Menschen aus dem Wasser geholt und nur 15 davon tot. Ich denke diese Quote kann sich sehen lassen. Das Glas ist für mich halb voll, nicht halb leer. Wenn ich nicht mehr bin, will ich, dass sich die Leute daran erinnern, dass ich etwas richtig gemacht habe und nicht nur auf der Welt war, um da zu sein.

Denken Sie, dass sich an der Situation auf dem Mittelmeer überhaupt etwas ändern kann?

Wenn einer unserer Politiker den Mut hätte, aktiv Fluchtursachen zu bekämpfen. Stichwort Waffenlobby: In diese Länder sollten keine Waffen mehr verkauft werden. Politiker, allen voran mein ,,persönlicher Freund" Seehofer, stellen Wahlkampf vor Humanität, Wählerstimmen vor Menschenleben. Mich ärgert die Unsachlichkeit der Diskussionen der Politiker, die es besser wissen müssten. Oder solche, die die AfD wählen. Unsere Mission ist es, diese Leute aufzuklären. Jetzt möchte ich mich erst recht dafür einsetzen, etwas gegen die Unwissenheit der Bevölkerung zu tun. Denn ich kenne mich inzwischen besser aus, als die meisten Politiker. 

Gab es persönliche Begegnungen mit Geretteten, die Sie besonders in Erinnerung haben?

Die Leute haben mir von vielen erschütternden persönlichen Schicksalen berichtet. Schicksalen, die ich selbst nie erleben will. Besonders in Erinnerung ist mir ein Mann, der mir von seinen Erlebnissen in Foltergefängnissen erzählt hat. Menschen sind auf Knien vor uns niedergefallen und haben uns angefleht, nicht nach Libyen zurück zu müssen. Im Übrigen wäre eine Rückführung nach Libyen per Gesetz schlicht verboten, das wäre ein Straftatbestand: Wer nach Europa gelangt ist, hat rein rechtlich Anspruch auf Asyl, wenn ihm im Heimatland Folter, Vergewaltigung und Tod droht.

Wann geht's für Sie wieder auf Rettungstour?

Ich bin bereit, wenn das nächste Schiff bereit ist. Vielleicht schon im Oktober wieder - da kann das Wetter schnell umschlagen und es finden sich nicht so viele Helfer. Aber man kann schließlich nicht nur bei gutem Wetter retten.