Die Einzelhändler in Reutlingen stöhnen, der Druck im Kessel ist groß. Die Pförtnerampel erweist auch im Nachhinein den Geschäftstreibenden  in der Altstadt  einen Bärendienst. Wer außen rum fährt, kommt nämlich nicht mehr nach Innen. Christian Wittel und Edgar Lehmann, der Vorsitzende und der Stellvertreter von RTaktiv bekommen von ihren Kollegen die Klagen an den Kopf geworfen. Umsätze brechen ein, Inhaber geben auf. Das kann nicht die Politik der Zukunft sein. Wir haben die beiden im Cafe Sommer getroffen und mit ihnen über die aktuelle Situation gesprochen. Doch das ist noch längst nicht alles. Mittlerweile ist die Marke Reutlingen im Gespräch. Was dabei herauskommt, wird mit Spannung erwartet. Fortsetzung folgt.

Hallo Herr Lehmann, Hallo Herr Wittel, wer von Ihnen kommt mit dem Auto in die Stadt?

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Lehmann: Ich.
 

Wo kommen Sie her?

Lehmann: Ich komm aus Betzingen über die Heppstraße, also merk ich keine Veränderungen in Sachen Tunnel. Natürlich hab ich mir das auch mal angetan, als der Tunnel eröffnet worden ist und kurz darauf die Pförtnerampel in Kraft war. Ich bin ganz bewusst über die Schnellstraße nach Reutlingen gefahren und hab dann für einen Weg von normalerweise elf oder zwölf Minuten knappe vierzig Minuten benötigt bis ich von zu Hause zu meinem Parkplatz in der Innenstadt gelangt bin.

Das sind deutliche Unterschiede.

Lehmann: Es war schon sehr, sehr heftig und ich fand es auch von der Stadtverwaltung etwas überzogen mit so einer erzieherischen Maßnahme gegenüber erwachsenen Menschen zu handeln. Und zwar ohne eine große Vorankündigung zu machen, ohne Aufklärung zu betreiben.  Das führt natürlich zu Ablehnung in der Bürgerschaft. Das trifft insbesondere die Einkaufsstadt Reutlingen.

Gibt es dafür Zahlen?

Lehmann: Der Einkaufsverkehr besteht zu 85 bis 90 Prozent aus Individualverkehr. Da sind wir als Händler immens betroffen.

Man hätte es also besser lösen können.

Lehmann: Ich fand die Aktion nicht in Ordnung, weil sie so erzieherisch ist und bevormunden will. Genauso wie die Beschilderung. Es lässt sich doch kein Erwachsener so behandeln. Was erlaubt sich da eine Stadtverwaltung. Die verhöhnenden Schilder der Werbekampagne deuten von blankem Zynismus. Die desaströse Ampelschaltung ist nach den massiven Protesten zwar etwas verkehrstauglicher eingestellt, nur kaum einer weiß was davon. Da hätte vielmehr die Werbetrommel gerührt werden müssen. So bleibt bei den meisten Menschen das Bild von der ewigen Stausteherei in den Köpfen verankert - nicht zu vergessen die vielen Baustellen.

Sie meinen »Fahren sie noch oder stehen sie schon im Stau?«

Lehmann: Genau, das ist ein absolutes No-Go gegenüber Erwachsenen. Ich bin mal gespannt, was das bei den Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen für eine Auswirkung hat. Das wird der Bürger seinen gewählten Vertretern nicht ganz so verzeihen. Und auch der Bürgermeisterin nicht.

Wittel: Ich muss nochmal die  Werbekampagne ansprechen. So Sätze wie »Gerade aus am Stau vorbei« auf einer direkten Verbindungsstrecke nach Metzingen tut einem Reutlinger Einzelhändler weh.

Lehmann: Zumal das auch unsere Kunden so aufgenommen haben: sie sagen dann fahren wir halt gleich durch nach Metzingen.
 

Wie sehen die Konsequenzen aus? Gab es schon Umsatzeinbußen?

Wittel: Der Einzelhandel ist bekannt dafür, mit dem Ohr am Puls der Zeit oder an der Ladentür zu sein. In diesem Fall reagieren wir auf den Unmut, den wir direkt von unseren Kunden mitbekommen. Da muss man ein sensibles Gefühl dafür entwickeln.

Und wie ist die Stimmung?

Wittel: Sie hat sich in den letzten Monaten nachhaltig bei unserer Kundschaft geändert. Die Kritik ist deutlicher geworden. »Was passiert hier gerade in der Stadt? Wie geht ihr mit uns um?«

 

Wie machen es die anderen Städte?

Wittel: Wenn sie so einschneidende Maßnahmen ergreifen müssen, haben sie sich Alternativen überlegt, sei es kostenloses Busfahren wie in Tübingen; sei es an Wochenenden die Parkgebühren in den Parkhäusern zu reduzieren.

 

Reutlingen redet sich ja heraus, das seien Maßnahmen des Regierungspräsidiums und nicht auf ihrem Mist gewachsen.

Wittel: Mit einem Goodie den Kunden entgegenzukommen, schadet nie. Es hätte Möglichkeiten gegeben, es anders anzugehen. Unsere Aufgabe, also die der Einzelhändler, ist es in meinen Augen nicht, hier für die Werbetrommel zu rühren. Da sind andere am Zuge.

Lehmann: Es sah auch so aus, als ob die Verwaltung getrieben sei. Dass das Konzept mit ganz, ganz heißer Nadel gestrickt worden ist. In den letzten zwanzig Jahren, in denen ich für RTaktiv tätig bin, hatten wir immer eine sehr konstruktive Zusammenarbeit. Gerade solche Themen hatten wir im Vorfeld immer abgestimmt.

 

Hat das nur mit dieser einen Maßnahme im Sinne des Luftreinhalteplans zu tun?

Wittel: Die einzelne Maßnahme ist nicht das K.o.-Kriterium. Sondern es sind die vielen kleinen Bausteine, also auch die Baustellen in der Oststadt, die Baustellen um den Ring herum. Diese Dinge in Summe gerechnet, machen es uns schwer, Reutlingen als eine attraktive Einkaufsstadt weiter zu etablieren und stabilisieren.

 

Einkaufsstadt Reutlingen, gibt es das überhaupt noch?

Lehmann: Der inhabergeführte Einzelhandel ist schon seit 20 Jahren rückläufig. Der filialisierte Einzelhandel hat immer mehr Zugriff auf die 1A Flächen genommen.

Wittel: Es ist kein Reutlinger Einzelphänomen. Lange gab es diese verschärfte Variante hier nicht.

Lehmann: Das was uns hier treibt, ist die Aktualität dieser Maßnahmen von der Stadt im Kontext mit der Situation, mit der sich jede Stadt auseinander setzen muss.