Er ist eine zentrale Figur in der Weihnachtszeit und steht wie kein Anderer für Geschenke. Nadine Wilmans hat den  Nikolaus getroffen und ganz menschliches erfahren

Vor dem Reutlinger Naturkundemuseum liest der Nikolaus gerade täglich um halb fünf eine Geschichte und verteilt Geschenke. "Am Nikolaustag gibt es sogar Schokoladen-Nikoläuse ", verrät Wolfgang Ries. Und er muss es wissen, denn der pensionierte Lehrer steckt seit fast neun Jahren höchstpersönlich unter dem weißen Nikolaus-Bart - im Wechsel mit zwei Nikolaus-"Kollegen" vom Christlichen Zentrum Reutlingen. Im Reutlinger Libresso Café haben wir Blick auf das geschäftige Weihnachtsmarkttreiben. Ein Junge, der mit seiner Oma am Tisch neben uns sitzt, schaut mit großen Augen zum Nikolaus. Der winkt ihm prompt und der Junge winkt begeistert zurück.

 

Wie ist die Lage in der Weihnachtsfabrik? Sind die Wichtel im Stress oder sind alle Geschenke schon fertig gepackt?

Mit der Weihnachtsfabrik habe ich nichts zu tun - alle Geschenke werden für mich hergerichtet.

 

Nun sind Sie ja auch nicht der Weihnachtsmann, sondern der Nikolaus. Inwiefern unterscheiden Sie da? Und wissen die Kids den Unterschied oder denken die einfach "Ah, da ist der von der Cola-Werbung"?

Also wir unterscheiden da schon. Deshalb trage ich als Bischof Nikolaus auch ein Bischofsgewand und keine Zipfelmütze, denn ich möchte ja auch das Anliegen des Nikolaus transportieren. Das Kostüm, das ich trage, ist übrigens ein Gewand, das auch Bischöfe so tragen.

 

Welches Anliegen hat denn der Nikolaus?

Es ist ja nicht so ganz sicher, was er im Einzelnen genau getan hat - das sind ja Legenden. Was aber sicher ist: Er hat seinen Besitz an andere verteilt, weil es ihm durch seinen Glauben an Gott wichtig war, andere zu beschenken - und er hat das auch konkret so umgesetzt. Beim Bischof Nikolaus kommt beides zusammen: Das Geschenk, dass Christus auf die Welt gekommen ist, und materielle Geschenke.

 

Wie sind Sie dazu gekommen Nikolaus zu werden?

Gemeindepastoren  des Christlichen Zentrums haben mich gefragt, ob ich Lust hätte, das zu machen. Ich habe immer gern mit Kindern gearbeitet - ich war Lehrer. Inzwischen bin ich pensioniert, aber als ich als Nikolaus angefangen habe, war ich noch aktiv.

 

Oh, dann haben Sie ihre Schüler manchmal unter Ihren Fans vor dem Naturkundemuseum entdeckt?

Das nicht, denn ich hatte immer ältere Schüler. Aber es kam vor, dass Schüler in der Schule auf mich zukamen und mich fragten: ,Sind Sie der Nikolaus?'. ,Wie kommt ihr denn darauf?', habe ich dann zurückgefragt. ,Der hat 'ne Stimme, wie Sie' - an der Stimme kann man einen unter dem Gewand noch am ehesten erkennen. Ich habe aber nicht gleich ,ja' gesagt, sondern es einfach immer offen gelassen.

 

Sagt nicht ab und an das ein oder andere Kind unter den Zuhörern ,Der ist doch verkleidet'?

Das gab's tatsächlich noch nie. Da ist eher der Drang ,Ich möchte als Erstes mein Geschenk'.

Wenn es Kinder wissen, finde ich das schade. Selbst wenn sie es ahnen, ist es doch schöner, wenn es zumindest ein Geheimnis bleibt.

 

Gibt es Erlebnisse, die Ihnen in den vielen Jahren als Nikolaus besonders in Erinnerung geblieben sind?

Was leider zu kurz kommt, ist das Gespräch. Manchmal sind ja über hundert Kinder da. Daher gibt es auch wenig individuelle Erlebnisse. Da gibt es Kinder, die einem was wünschen, Schöne Weihnachten zum Beispiel, oder manche bringen sogar kleine Geschenke und Selbstgebackenes mit. Mir ist übrigens aufgefallen, dass sich Kinder viel öfter bedanken, wenn sie was bekommen haben und überhaupt sehr aufgeschlossen und freundlich sind. Einmal hat mich ein Junge gefragt, ob ich seinen Freund in Amerika auch noch besuchen könnte - und er fragte das aus tiefster Überzeugung, überhaupt nicht gespielt. Ich habe dann geantwortet, dass ich vielleicht meinen amerikanischen Kollegen schicken könnte.

 

Viele sind ja an Weihnachten vor allem im Stress wegen der Geschenke und freuen sich gar nicht. Wie sieht's bei Ihnen aus?

Ich freue mich auf Weihnachten. Mir ist das Weihnachtsgeschehen  persönlich sehr wichtig - es ist ja eine verrückte Sache: wir Menschen wollen oft sein wie Gott und hier wird Gott Mensch. Nun kann Frieden entstehen, mit meinem Nächsten, mit Gott, mit mir selbst. Und da Weihnachten aus meinem Verständnis heraus sowieso ein Geschenk ist, passen Geschenke da für mich gut dazu.

 

Nun sind Sie ja als Nikolaus Experte im Schenken - gehen Sie für Ihre Lieben auch mal noch last minute am Heiligen Morgen auf Geschenkejagd oder sind Sie da rechtzeitig und pünktlich?

In der Regel bin ich schon vom Typ her jemand, der vorplant. Aber es kann mir schon auch mal passieren, wenn mir mal so gar nichts einfällt, was ich schenken könnte, dann schiebe ich's raus...

 

Worauf freuen Sie sich in der Weihnachtszeit am meisten?

Auf das Weihnachtsfest selbst, den Gottesdienst, die Lieder. Und natürlich auf das Zusammensein mit der Familie. Es ist nicht so, dass wir uns das restliche Jahr über nicht sehen würden, aber an Weihnachten ist es von der Stimmung her doch noch mal ein bisschen anders, eben eine besondere Geburtstagsfeier.