Boris Palmer ist 47, grün und seit über zwölf  Jahren Tübingens OB. Als solcher arbeitet er nicht still im Kämmerchen seine Pflichtaufgaben ab, sondern bringt sich gerne mit ungemütlichen Äußerungen in der „großen“ Politik ins Gespräch. Dazu hat er große Pläne für seine Stadt, will sie so klimafreundlich wie möglich machen. Damit wir ungestört und ohne Selfiestick-Attacken von Fans plaudern können, halten wir unseren Kaffeeklatsch in seinem mintgrünen Büro mit Blick über den schnuckligen Tübinger Marktplatz.

Tübingen ist ja bekannt als sehr umweltfreundliche Stadt - gehen Sie als grüner OB auch privat mit umweltfreundlichem Beispiel voran, oder erwischt man Sie auch mal mit importiertem, gespritztem und in Plastik verpacktem Obst an der Supermarktkasse?

Mit der Vorbildfunktion muss man vorsichtig sein, denn irgendeine Sünde begeht jeder irgendwann mal. Allerdings versuche ich seit über 30 Jahren so ökologisch wie möglich zu leben, seit 20 Jahren fahre ich kein privates Auto mehr und seit 10 Jahren auch kein Dienstauto. Ich kaufe Biolebensmittel, am liebsten saisonal auf dem Wochenmarkt. Aber, dass ich nie Plastik kaufe, wäre gelogen. Und natürlich lässt es sich nicht vermeiden, dass ich ab und zu fliege - unsere Partnerstadt in Amerika zum Beispiel, würde sich sonst schlecht erreichen lassen.

In Punkto Umwelt sind Sie ja auf der sicheren Seite, denn so ziemlich alle finden Umweltschutz gut. Bei kontroverseren Themen ecken Sie mit Ihren Meinungen schon mal an, zumal Sie sich oft nicht unbedingt diplomatisch ausdrücken. Ihr Buch über Flüchtlingspolitik hat zum Beispiel ausgerechnet den Titel „Wir können nicht allen helfen“. Mögen Sie die Provokation, um zu sehen, wie die anderen reagieren, oder wollen Sie einfach nur authentisch sein?

Manchmal wundere ich mich schon, was die Leute provoziert. Politik der eingeschlafenen Füße ist nichts für mich. Lieber hab‘ ich jemanden mit einem klaren Standpunkt, als jemanden, der um den heißen Brei herumredet.

Das heißt, Sie provozieren eher unabsichtlich?

Es gibt schon Sachen, bei denen ich denke, das kommt mir gerade recht, wenn sich da die Richtigen aufregen. Aber manchmal müssen Dinge einfach klar gesagt werden und oft bin ich von mancher Reaktion überrascht.  

Gerade als polarisierender Politiker gerät man oft in einen harten Schlagabtausch. Fällt es Ihnen schwer, Dinge nicht persönlich zu nehmen oder haben Sie das im Laufe der Zeit gelernt?

Dass es mir nie schwerfällt, wäre gelogen. Aber ich war da schon immer recht hart im Nehmen. Im letzten Jahr habe ich festgestellt, dass ich eher mehr aus der Ruhe gebracht werde, als früher. Das liegt daran, dass ich früher bei Streit meine eigene Partei im Rücken hatte, jetzt habe ich öfter Streit mit meiner eigenen Partei, weil viele von Fakten in der Flüchtlingspolitik nichts hören wollen. Stress mit Freunden ist anstrengender als Stress mit offenkundigen Gegnern.

Wenn Sie über den Tübinger Wochenmarkt laufen, ist es dann wahrscheinlich, dass Leute ein Selfie mit ihnen wollen? Oder befürchten Sie eher, dass jemand Sie mit Eiern bewerfen will?

Tagsüber passiert nur Ersteres, also zum Beispiel, dass Leute stehen bleiben und sagen: „Sie machen eine gute Arbeit – bleiben Sie dabei!“ In die andere Richtung geht es eigentlich nicht und linksdogmatische junge Leute, die sich gegen die Obrigkeit auflehnen, gab’s schon immer.

Nehmen wir an, jemand würde Sie mit Eiern bewerfen – würden Sie das eher mit Humor nehmen oder wären Sie stinksauer?

Also, ich finde alle körperlichen Angriffe nicht in Ordnung.

Sind Sie generell eher der ernste Typ oder eher humorvoll?

Es kommt auf die Situation an. Ich bin auf jeden Fall keine Büroklammer, die nicht lachen kann. Im Gegenteil, ich wurde eher schon kritisiert, ich würde Sachen nicht mit dem nötigen Ernst würdigen. Aber was der eine lustig findet, das findet der andere vielleicht unmöglich, da muss man zu seinem eigenen Stil stehen.

Was wünschen Sie sich für Tübingen in den nächsten 10 Jahren?

Ich will die Graffitis loswerden, wenigstens in der Altstadt – das sieht unmöglich aus. Wir wollen den Müll in der Altstadt in Griff bekommen und deswegen eine Wegwerfsteuer für die ganzen To-Go-Sachen einführen. In den nächsten Jahren sollen neue Bauwerke für den Radverkehr entstehen, also Fahrradtiefgaragen, Fahrradbrücken und -straßen. Ich möchte Tübingen zum Kopenhagen des Südens machen. In drei Jahren werden wir einen neuen Busbahnhof haben, außerdem würde ich mir eine Stadtbahn für Tübingen wünschen. Interessant ist auch die Entwicklung unseres Technologieparks: In zehn Jahren wünsche ich mir, dass auf die Frage, wo die meisten Forscher zur künstlichen Intelligenz sind, Tübingen die Antwort ist.

Ihr Vater – auch gerne provokant unterwegs – war als „Remstal-Rebell“ bekannt. Woran soll man denken, wenn man Ihren Namen hört?

Der Oberbürgermeister mit dem erfolgreichsten Klimakonzept aller deutschen Städte.

Nur aller deutschen Städte? Da sind Sie jetzt aber bescheiden…

Für Deutschland kann ich’s wenigstens noch überblicken. Tübingen hat zum Beispiel den European Energy Award mit dem besten Punktwert aller deutschen Städte dieser Größenordnung erhalten. Und das ist nur eins von vielen stützenden Argumenten.