TÜBINGEN. Eine Delegation der Tübinger Stadtverwaltung und des Gemeinderates hat sich zusammen mit Oberbürgermeister Boris Palmer in Aschaffenburg das Konzept der Miteinanderzone erklären lassen und vor Ort besichtigt. Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD) berichtete den Gästen von einer großen politischen Einigkeit in Aschaffenburg, die Fußgängerzone als Miteinanderzone zu erhalten. Der Erlaubnis zur Durchfahrt der in den 70er Jahren eingerichteten Fußgängerzone und des angrenzenden Stadtparks mit dem Rad war 2012 versuchsweise für ein Jahr erteilt worden und besteht bis heute. Der Leiter der örtlichen Polizeiinspektion, Bruno Bozem, versicherte den Gästen, dass es keine Gefährdung der Fußgänger durch Radfahrer gäbe: »Wir hatten keinen einzigen Unfall mit Personen. Das Risiko geht gegen Null.«

Ausgangspunkt der Miteinanderzone waren Beschwerden über täglich rund 400 unerlaubte Radler in der Fußgängerzone alleine auf der Haupteinkaufsstraße. Als Polizei und Stadtverwaltung im Jahr 2010 versuchten, diese durch intensive Kontrollen und Bußgelder zu unterbinden, entstand eine Gegenbewegung in der Bürgerschaft, die auf ein Miteinander statt massiven Einsatzes gegen die Radfahrer hinwirkten. Dem schloss sich der Stadtrat an und die daraus entstandene Miteinanderzone wurde 2015 mit dem deutschen Fahrradpreis ausgezeichnet. Oberbürgermeister Herzog berichtete allerdings, dass die Auseinandersetzung um die Miteinanderzone in jüngster Zeit wieder zugenommen habe. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass die Anzahl der Radler, und damit auch die, die zu schnell unterwegs sind, spürbar angestiegen ist. Herzog: »Es ist wie in der Kindererziehung, man muss klare Regeln auch durchsetzen. Laissez-faire führt zu nichts.« Aus diesem Grund haben Stadt und Polizei jetzt mit Kontrollen der Geschwindigkeit begonnen. Die ersten Verwarnungen wegen deutlicher Überschreitung der Schrittgeschwindigkeit wurden gerade ausgesprochen. 

Wichtige Erkenntnis für Oberbürgermeister Palmer und den Leiter der Tübinger Abteilung für Verkehrsrecht: In Aschaffenburg werden Bußgelder für zu schnelles Fahren in der Fußgängerzone allein aufgrund der Einschätzung der Geschwindigkeit durch die Beamten vor Ort verhängt und auch beigetrieben. Dieses Verfahren will Palmer ab sofort auch in der Kornhausstraße zum Einsatz bringen: »Wenn wir die Unvernünftigen am Geldbeutel packen, sollte ein Miteinander mit der großen Zahl der Vernünftigen gut möglich sein«, so Palmer. In der ersten Testphase seit März wurden nur Ermahnungen ausgesprochen. In der nun folgenden Phase werden wie in Aschaffenburg 15 Euro Bußgeld fällig. Der wichtigste Faktor des Erfolges der Miteinanderzone in Aschaffenburg ist eine gute Kommunikation. Überall in der Fußgängerzone wird mit großen Schildern für Rücksicht geworben, auch am Boden und in der Luft sind Aufkleber und Banner angebracht. An den Eingängen der Miteinanderzone hängen Schilder in der Größe eines Ortsschildes, die Schrittgeschwindigkeit einfordern. Auch daran will sich OB Palmer orientieren: »Die Anregung zur Werbung für ein besseres Miteinander kam auch schon aus der Tübinger Händlerschaft. Wir werden in diesen Tagen das erste Banner aufhängen; weitere sollen folgen.«                                                             –tw