Verkehrsunfälle, die im Zusammenhang mit Hunden passieren, sind meistens Zusammenstöße oder Folgen von Ausweichmanövern im Verhältnis Hund und Radfahrer. Dies heißt vorab, dass Hundehalter und Radfahrer gleichermaßen gefordert sind. Insbesondere da, wo mit Radfahrern zu rechnen ist, müssen Hundehalter besonders vorsichtig sein und damit rechnen, dass plötzlich ein Radfahrer auftaucht. Umgekehrt sollte ein Radfahrer, wenn ein Hund auftaucht, der nicht erkennbar und sicher angeleint ist, äußerst vorsichtig sein und mit der Geschwindigkeit heruntergehen, damit nichts passiert.

In einem Urteil des Landgerichts Tübingen vom 12.05.2015, AZ: 5 O 218/14, hat der Richter die Problematik sehr schön zusammengefasst. Es ging darum, dass eine Fahrradfahrerin auf einem landwirtschaftlichen Weg fuhr. Auf der linken Seite von ihr aus gesehen, war ein Hund, der an einer sogenannten Schleppleine war, allerdings 10 m vom Hundehalter entfernt. Die Fahrradfahrerin betätigte die Fahrradklingel, der Hundehalter pfiff nach seinem Hund, der allerdings blieb. Das Ganze ereignete sich in einem engen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang. Die Fahrradfahrerin war nur noch wenige Meter vom Hund entfernt, als dieser plötzlich nach rechts lief, die Fahrradfahrerin stark abbremsen musste und stürzte, wobei sie sich sehr schwere Verletzungen zugezogen hatte. Die Versicherung des Hundehalters bezahlte nichts. Das sah das Landgericht allerdings völlig anders. Unter anderem hat das Gericht ausgeführt:

„Der Sturz der Klägerin und ihre Begegnung mit dem freilaufenden Hund des Beklagten stand in einem unmittelbaren zeitlichen und örtlichen Zusammenhang. Unter diesen Umständen spricht bereits ein Anscheinsbeweis für die Verursachung des Stoßes durch den Hund, weil dieser nicht mit einer Leine mit dem Beklagten verbunden war, sondern vielmehr die Leine insoweit gefahrerhöhend hinter sich herzog, obwohl gemäß § 3 der Polizeiverordnung und der Gemeinde E. auf diesem Weg der Hund angeleint hätte sein müssen. … Der Hund war gerade nicht so ausgebildet, dass er jederzeit durch Zuruf zu einem Verhalten veranlasst werden konnte, dass die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer vermeidet. Der Hund hat auf den Pfiff zunächst überhaupt nicht reagiert, danach hat er in einer für das Tier typischen Weise unberechenbaren und nicht dem Denken eines Verkehrsteilnehmers entsprechenden Art und Weise reagiert und damit auch zugleich die typische Tiergefahr verwirklicht. … Der vorliegende und hier zu entscheidende Fall zeigt geradezu beispielhaft, dass das Tier sich eben nicht wie ein menschlicher Verkehrsteilnehmer verhält, sondern urplötzlich und unkalkulierbar sowie unvorhersehbar in die eine oder andere Richtung, aus welchen Gründen auch immer, von seiner bis dahin gewählten Streckenführung abrupt abweichen kann. Dies stellt gerade das tierische Verhalten dar. Dessen unberechenbares Risiko wollte der Gesetzgeber nicht Dritten, sondern dem Tierhalter zuweisen. … Die Fahrlässigkeit (bezogen auf den Hundehalter) bestand zum einen darin, den nicht ausreichend folgsamen Hund auf dem auch von Radfahrern frequentierten Weg frei laufenzulassen, zumal entgegen der Polizeiverordnung; die Fahrlässigkeit wird noch dadurch erhöht, dass der Hund die Leine hinter sich herziehen durfte, was im Zusammentreffen mit Radfahrern die Gefährdungssituation für die Radfahrer noch weiter erhöhen kann, wenn beispielsweise die Leine sich mit dem Fahrrad verhakt oder beim Queren des Weges durch den Hund den Weg vollständig sperrt. Die hinter dem Hund hergeschleppte Leine macht zudem insoweit ein Ausweichen oder Passieren für den Radfahrer nochmals deutlich schwerer. Der Fahrlässigkeitsvorwurf erhöht sich noch dadurch, dass der freilaufende Hund nicht auf der Straßenseite lief, die der Beklagte benutzte, sondern die gegenüberliegende Straßenseite benutzte, so dass er zwangsläufig bei jedem Zuruf, auch wenn er diesen ordnungsgemäß gefolgt hätte, den restlichen Verkehrsraum zwischen der linken und der rechten Straßenseite hätte queren (und mit der Schleppleine sperren) müssen, das heißt genau den Verkehrsraum, den andere Passanten und Verkehrsteilnehmer hätten nutzen müssen.“

Das Gericht hat also eine 100 %-ige Haftung zu Lasten des Hundehalters festgestellt.

Hundehalter tun sich und ihrem besten Freund keinen Gefallen, wenn sie die notwendige Aufmerksamkeit vermissen lassen. Dass ein gut erzogener, folgsamer Hund mehr Freiheiten genießen kann, weiß jeder Hundehalter, aber es ist immer mit einem unkalkulierbaren und unvorhersehbaren Verhalten zu rechnen.