Ein neues Spielfeld der Versicherungen? Jedenfalls fällt dem Verfasser auf, dass in letzter Zeit mehrfach Versicherungen mit dem Argument der „halben Vorfahrt“ Schadensersatzleistungen eines Vorfahrtberechtigten beim Unfall gekürzt haben. Wer die Vorfahrt hatte denkt natürlich, ihm kann bei der Schadensregulierung nichts passieren. Weit gefehlt. Nicht nur zum Schadensgrund gibt es häufig Einwände, ganz geschweige zu einzelnen Schadenspositionen.

Zunächst einmal weiß normalerweise der Geschädigte, der bei einem Unfall die Vorfahrt hatte gar nicht, was der Begriff „halber Vorfahrt“ überhaupt bedeutet. Es handelt sich um Kreuzungsunfälle, bei denen der Verkehr nicht durch Verkehrszeichen geregelt ist, meist innerorts.

Der Vorfahrtberechtigte hat natürlich die Vorfahrt vor dem von links kommenden Fahrzeug, mit dem er letztlich auch kollidierte. Er muss aber die Vorfahrt eines von rechts kommenden Fahrzeugs beachten. Das kann er nur dann, wenn die von rechts einmündende Straße rechtzeitig und weit genug einsehbar ist. Ist die Kreuzung aber schwer einsehbar kommt es für den Vorfahrtberechtigten zu der kritischen Frage:

„Hätte der Vorfahrtberechtigte einem von rechts kommenden Fahrzeug die Vorfahrt einräumen können.“

Hätte er dies nicht können, und dies kann insbesondere dann der Fall sein, wenn er zu schnell gefahren ist, bei gleichzeitiger schwieriger Einsehbarkeit, dann lastet ihm die Rechtsprechung ein Mitverschulden an dem Unfall an, denn dieser hat gemäß § 3 Abs. 1, Satz 2 StVO die Geschwindigkeit den Sichtverhältnissen anzupassen. Wenn die Kreuzung schwer einsehbar ist, unübersichtlich oder gar eine gefährliche Straßenstelle darstellt, erfordert dies, dass der Fahrzeugführer vorsichtig und langsam fährt.

Umstritten ist bei dieser Situation, ob der Bevorrechtigte nach links schauen muss, oder ob er sich mit dem Vergewissern nach rechts, woher für ihn die Gefahr kommt, begnügen kann. Besser ist, man schaut auch nach links. Das Eigenartige an dieser Situation ist, dass die Rechtsprechung das Gebot, an schlecht einsehbaren Kreuzung und Einmündungen vorsichtig und langsam zu fahren auch als Schutz für den Wartepflichtigen ansieht, was dann die Folge hat, dass bei einem Verstoß eine Mithaftung gegeben ist, meistens zwischen 25 % oder gar einem Drittel.

Bei einer Schadensschilderung gegenüber einer gegnerischen Haftpflichtversicherung ist also äußerste Vorsicht geboten. Wer hier nicht aufpasst und leichtfertigerweise nicht sehr genau ist bei seiner Schilderung läuft schnell in die Falle, dass ihm aufgrund seiner eigenen Schilderung vorgeworfen wird, er hätte die „halbe Vorfahrt“ verletzt. Der Begriff beinhaltet, etwas salopp ausgedrückt, dass der tatsächlich Vorfahrtberechtigte gegenüber dem einen Verkehrsteilnehmer zwar berechtigt ist, gegenüber einem anderen, auch wenn dieser gar nicht da ist, aber nicht und dass er dann in einer Mithaftung landet.