Unfälle, bei denen es sich beteiligte Fahrzeuge gar nicht berührt haben, kommen immer wieder vor. Sie können aber besondere Schwierigkeiten bereiten, wie der folgende Fall zeigt:

Eine 75-jährige Frau fuhr mit ihrem Fahrrad auf einem 3 m breiten Weg. Ihr entgegen kam eine Pkw-Fahrerin mit einem 1,70 m breiten Mercedes Benz. Bevor sich die Beteiligten begegneten, stürzte die Radfahrerin. Sie fiel dabei auf den Kopf und zog sich schwerste Verletzungen zu, an denen sie später verstarb. Die Pkw-Fahrerin wich nach rechts in einen Bewässerungsgraben aus, eine Berührung der Fahrzeuge und der Geschädigten mit dem Fahrzeug der Pkw-Fahrerin hatte nicht stattgefunden. Die Krankenkasse und die Pflegekasse der geschädigten Radfahrerin machten gegenüber der Haftpflichtversicherung ihre Ansprüche geltend, die zu einem Viertel bezahlt wurden. die Klage auf 100 % hatte letztlich beim Oberlandesgericht Hamm keinen Erfolg, Urteil vom 02.09.2016, AZ: 9 U 14/16. Aus den Urteilsgründen kann man entnehmen, worauf es in Fällen wie dem vorliegenden ankommt:

„Wie das Landgericht zutreffend ausführt, setzt das haftungsbegründende Tatbestandsmerkmal „bei Betrieb eines Kraftfahrzeuges“ grundsätzlich voraus, dass sich in dem jeweiligen Unfallgeschehen eine von einem Kraftfahrzeug ausgehende Gefahr realisiert hat und das Schadensgeschehen dadurch insgesamt mit geprägt wurde. Dabei muss die Unfallursache im Betrieb des Kraftfahrzeuges begründet sein, d. h. dieses muss durch seine Funktion als Fortbewegungs-/ und Transportmittel das Unfallgeschehen in irgendeiner Form mit beeinflusst haben.

Bei einem Unfallgeschehen ohne tatsächliche Berührung der Verkehrsteilnehmer, wie es auch im vorliegenden Fall ist, setzt der Bundesgerichtshof weitgehend voraus, dass das Fahrzeug durch seine Fahrweise zur Entstehung des Unfalls beigetragen haben muss. Die bloße Anwesenheit eines in Betrieb befindlichen Kraftfahrzeuges an der Unfallstelle reiche hierzu nicht aus. Bei Betrieb des Kraftfahrzeuges geschehe ein Unfall jedoch auch dann, wenn er unmittelbar durch ein Verhalten des Verletzten oder eines Dritten ausgelöst werde, dieses Verhalten aber seinerseits in zurechenbarer Weise durch das Kraftfahrzeug mit verursacht wurde. … Somit genügt es für die Annahme des Merkmals „bei Betrieb“ grundsätzlich auch, wenn der Unfall sich infolge einer Abwehr- oder Ausweichreaktion der verunfallten Person ereigne, auch wenn diese zwar objektiv nicht erforderlich gewesen sei, jedoch im Zusammenhang des konkreten Verkehrsgeschehens subjektiv vertretbar erscheine, wonach auch subjektiv die Ausweichreaktion nicht erforderlich sein muss oder sich für den Fahrer des anderen Fahrzeuges aus seiner Sicht als die einzige Möglichkeit darstellt, um eine Kollision zu vermeiden.“

Die Beweislast, dass obige Voraussetzungen erfüllt sind, liegt bei demjenigen, der Ansprüche geltend macht. Im konkreten Fall ist dieser Beweis nicht gelungen. Zum Schluss führt das Gericht aus:

„Wie der Senat bereits erschöpfend ausgeführt hat, lässt sich eben kein Sachverhalt als feststehend betrachten, aus dem der Schluss zu ziehen wäre, dass die Geschädigte in Reaktion auf den Betrieb des Fahrzeugs der Beklagten zu 1 gestürzt ist, sei es auch in einer Fehlreaktion. Vielmehr lassen sich diverse andere Ursachen für diesen Sturz in Erwägung ziehen. Die bloße Anwesenheit des Fahrzeugs auf der Fahrbahn des T-Weges genügt jedoch, wie ebenfalls ausgeführt, für eine Haftung der Beklagten nicht.“