In § 10 Straßenverkehrsordnung ist geregelt, wie man sich beim Anfahren vom Fahrbahnrand zu verhalten hat. Es gilt die höchstmögliche Sorgfaltspflicht, denn der Anfahrende muss sich so verhalten, dass eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist. Die Absicht, anzufahren, ist rechtzeitig und deutlich anzukündigen. Dabei sind die Fahrtrichtungsanzeiger zu benutzen. Unfälle durch Fehler, meistens Unaufmerksamkeit, beim Anfahren sind nicht selten. Deshalb ist der oberste Grundsatz, dass der Anfahrende die Gewissheit haben muss, dass seine Fahrbahn frei ist.

Bei starkem Verkehr ist es für den Anfahrenden gar nicht so leicht, sich verkehrsgerecht zu verhalten. Grundsätzlich ist es so, dass derjenige Verkehrsteilnehmer, der trotz nachfolgendem Verkehr nach links anfährt und die Fahrbahn versperrt eine höhere Betriebsgefahr als ein Fahrzeug des fließenden Verkehrs verursacht. Andererseits gilt aber für andere Verkehrsteilnehmer im Hinblick auf große Verkehrsdichte die Pflicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme. Wenn also ein Verkehrsteilnehmer sieht, dass ein anderer Verkehrsteilnehmer anfahren will, insbesondere wenn man die eingeschaltete Richtungsanzeige sieht, dann hat er sich darauf einzustellen. Eine geringe Behinderung muss durchaus in Kauf genommen werden, nämlich Gas wegnehmen.

Insoweit darf der Anfahrende auch damit rechnen, wenn ein Fahrzeug eigentlich noch weit genug entfernt ist, dass vom fließenden Verkehr sein Einfahren und eine geringfügige Behinderung akzeptiert wird. Vom nachfolgenden Verkehr ist auch ein vorsichtiges Hineintasten des Anfahrenden, um Sicht zu gewinnen, zu akzeptieren. Auch hier gilt der Grundsatz der gegenseitigen Rücksichtnahme. Stockt der Verkehr, dann hat der an und für sich bevorrechtigte Fahrer unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen Rücksichtnahme einem Verkehrsteilnehmer, von dem er sieht, dass er anfahren möchte, eine ausreichend große Lücke zum Eingliedern zu gewähren.

Ganz besonders sorgfältig muss sich der verhalten, der von links aus anfährt. Er darf sich nicht auf das Rechtsfahren anderer verlassen. Hier muss er sich vergewissern und im Zweifel zurückstehen. Letztlich ist noch darauf zu verweisen, dass das Wiederanfahren nach verkehrsbedingtem Anhalten nicht unter § 10 StVO, sondern unter § 1 fällt, bei gleichhohen Sorgfaltspflichten. § 10 StVO gilt auch nicht bei Anfahren eines in zweiter Reihe erlaubtermaßen haltenden Fahrzeugs, beispielsweise einem Müllfahrzeug. Hier gilt auch § 1 StVO.

Thomas Rogge